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Die Anfahrt

Tagelang hatte ich geplant. So gut es eben ging. Aber wie plant man etwas ohne die Bilder dazu zu haben. Ich war noch nie allein in der Großstadt und mit dem Zug bin ich nur einmal da rein gefahren. Das reicht nicht aus.
Ich musste damals auch nicht die Fahrkarten selber besorgen und da wir damals in München auch nicht umgestiegen sind, wusste ich nicht wo die U-Bahn ist, geschweige denn, wie das mit dem Kartenverkauf dort eigentlich läuft. Jeder Bahnhof hat da seine eigene Vorgehensweise und mich machte es sehr nervös.
Ich hätte zwar auch mit dem Auto hin können, denn ich fahre nicht gern Zug. Mir sind da zuviele Leute, Variablen, Gerüche und Geräusche. Einfach ein Zuviel an Zuviel. Aber die Angst vor der Fahrt in eine mir unbekannte Großstadt auf einer mir unbekannten Strecke, und die Panik vor der Parksituation dort, war schlimmer, als die Aussicht, mit dem Zug fahren zu müssen.
Also suchte ich sämtliche Pläne, derer ich habhaft werden konnte und versuchte mir so gut es ging, einen brauchbaren Ablauf zusammenzustellen. In dem Wissen, das meist in der Realität alles ganz anders aussieht und Pläne von anderen nie so gut sind, wie ich sie bräuchte. Es fehlen einfach die Bilder im Kopf und ohne sie werde ich sehr unsicher.
Und so kam es, wie es kommen musste. So war im Zug keine Anzeige oder Plan zu sehen und angesagt wurde auch nichts. Langsam beschlich mich die altbekannte Panik. Was ist, wenn ich den Bahnhof verpasse? Auf den Gedanken, das es eh der Endbahnhof ist und alle rausgeschmissen werden, auf die kam ich in dem Moment nicht mehr. Also hielt ich meinen mitgebrachten Plan in der Hand und zählte die Haltestellen. Starrte verkrampft nach draussen, um bloss nichts zu verpassen.
Aber die letzte Station wurde dann doch angesagt und so stand ich zunächst mehr als erleichtert auf dem Bahnsteig und versuchte erstmal den ganzen Massen aus dem Weg zu gehen.
Ich begann den Weg zur U-Bahn zu suchen. Laut Plan wusste ich nur, ich muss nach unten. 2 Etagen, aber wo? Da waren mehrere Abgänge. Etwas verloren stand ich in einer überfüllten Halle, in der unheimlich viel im Weg herumstand. Auf diese Weise kann man den Bahnhof gar nicht komplett überblicken. Bis ich mich dazu entscheiden konnte, doch in die Massen einzutauchen, um mehr Überblick zu erhalten, dauerte es eine Weile. Zum Glück hatte ich aber genug Zeit dafür, da die U-Bahn im 10 min Takt fährt.

Irgendwann inklusive jener “ ich will nach Hause “ Momente, habe ich es tatsächlich zur U-Bahn geschafft und meine anfängliche Panik, das auch hier keine Pläne aushängen könnten und das die Stationen nicht angesagt werden, stellte sich als nicht gerechtfertigt heraus.
So quetschte ich mich mitten im Berufspendelverkehr möglichst in die Ecke und ging möglichst jeder Berührung aus dem Weg.
Der „ich will nach Hause“ Moment sollte sich dann noch ein zweites Mal einstellen. Gerade in der Situation, als ich dann wieder auf dem Bahnsteig stand und nicht wusste, in welche Richtung ich nun eigentlich die U-Bahn-Station verlassen sollte. Unzählige Möglichkeiten taten sich mir auf und es ist ja nicht so, das dort steht: “ Hier lang geht es zur Schulstrasse“.
So wählte ich dann den nächst besten Ausgang und natürlich war es der falsche. Welch ein Glück. Großstadt und ich stehe mitten auf einem Platz mit sehr vielen Möglichkeiten, Verzweigungen und Abgängen. Wo sollte ich hin? Mein Navi schien etwas überfordert und ich konnte nicht ganz genau ausmachen, wo ich mich bei diesem großen roten Punkt genau einordnen sollte. So blieb mir nichts anderes übrig, als alle Möglichkeiten ein Stück weit auszuprobieren. Zumindest, um aus diesem roten Bereich auf dem Navi herauszukommen, damit ich sehen konnte, das ich zumindest den richtigen Weg eingeschlagen habe.

Von außen betrachtet wirkte ich schon lange nicht mehr ruhig und ausgeglichen. Schaukelte, zappelte und verdrehte meine Hände. Das fiel auf. Früher hätte ich auch das unterdrückt und ich wäre in wesentlich schlechterer Verfassung angekommen.
Irgendwie bin ich stolz auf mich, das ich es gelernt habe, zumindest in solch enormen Stresssituationen, diese Stereotypen und Stimmings zuzulassen. Die Blicke der anderen waren mir egal. Wichtig war nur, das ich einigermaßen heil ankomme.

Das habe ich geschafft,  photo B890BACF-3EF0-4A56-9763-3BC014B38CD1_zpslxtxvbyy.jpg
und sogar mit ein wenig Puffer, sodass ich etwas runterfahren konnte, bevor es losgehen sollte. So saß ich hier und harrte der Dinge, die kommen mögen.

Zu Gast bei Auticon

Ich hatte mich vor einiger Zeit bei Auticon beworben. Zwar habe ich kaum Programmierkenntnisse, aber in meiner Schulungsmaßnahme bei der Dekra, wurde ich vom dortigen Jobcouch ermutigt, es dennoch einfach mal zu versuchen. Immerhin interessiere ich mich sehr für Technik und Software. Zwar eher aus der Sicht einer Anwenderin, als aus Sicht eines Entwicklers, aber mehr als Nein sagen können sie ja nicht, sagte man mir damals.
So entwickelte sich ein kleiner Emailverkehr mit einem Jobcouch von Auticon und im Zuge dessen sendete ich per Email all meine Bewerbungsunterlagen.
Das war angenehm. Denn die meisten würden ein Telefonat verlangen. So konnte ich in meinem Element sein und tatsächlich wurde ich dann zu einem Infogespräch inklusive einer Testung eingeladen.
Lustigerweise machte mir die Anfahrt mehr zu schaffen, als die Ungewissheit über den Test an sich. Im Grunde freute ich mich sogar darauf. Ich hatte Auticon ja schon eine Weile interessiert verfolgt und bisher hatte ich immer den Eindruck, das sie sehr darum bemüht waren, Autisten ein Klima zu schaffen, wo sie sich wohlfühlen konnten und dieser erste Eindruck von Auticon sollte auch nicht enttäuscht werden.
Das Büro war recht ruhig und verschachtelt. Dadurch wirkte alles nicht so groß und erdrückend. Die Wände waren nicht mit allerlei Zeug behangen und allzu viel lag auch nicht herum. Das Büro bot trotz seiner diversen Trennwände einen recht guten Überblick und somit für mich eine gute Orientierung.
Schmunzeln muss ich bei dem Gedanken, das die Praktikantin wohl noch nicht viel Erfahrung mit Autisten haben könnte. Aber das kann man auch nicht verlangen. Später sollte ich erfahren, das sie erst ganz neu dabei war. Zumindest wurde ich von ihr per Handschlag begrüßt, was ich ansich nicht gerne mag. Da ich aber weiß, das es so erwartet wird und da es deutlich von ihr ausging, fehlte da dann auch meine Verunsicherung darüber, ob und wie ich die Person an der Tür begrüssen sollte oder nicht.
Sehr angenehm fand ich, das der Rest des Begrüßungsrituals völlig ohne Hände schütteln auskam und so wartete ich in einem kleinem separatem Raum auf die restlichen Kandidaten, bevor es dann losgehen sollte.
Immer wurde darauf geachtet uns genau zu vermitteln, was wann geschehen würde und so war ich mir für den Rest des Tages nicht mehr im Unklaren, was denn da auf mich zukommen sollte.
Der Test war nicht leicht, aber machbar und ganz besonders hatte mir der Teil des Softwaretestings gefallen. Das Gespräch mit dem Geschäftsführer war sehr angenehm und er war wirklich sehr nett.
Er betonte auch im Gespräch, das sie sich immer noch im Lernprozess befinden was Autismus betrifft. Das imponierte mir, da ich gerade die Menschen am schwierigsten empfinde, die meinen alles über Autismus zu wissen, und sich so auch nichts mehr von Autisten sagen lassen zu müssen.
Eine kleine Situation war etwas peinlich aber zum Glück hatte es keiner bemerkt.
„Geben sie für den Zugang zweimal das Wort ein, auch für das Passwort“ war die genaue Aussage und genau so habe ich es durchgeführt. Ich schrieb beim Benutzernamen das Wort zweimal hin und beim Passwort ebenso. War natürlich falsch. 😉 *schäm*
Selbst die Kritik am Licht meinerseits beim Abschlussgespäch, die hatten da so eine Neonröhre, die mir in den Augen weh tat und binnen kurzer Zeit Kopfweh einbrachte, wurde nicht als „seien sie mal nicht so empfindlich“ abgetan, sondern durchaus als konstruktive Kritik ernst genommen. Sie wussten sogar um das Problem, aber hatten sich dennoch auf Grund der Hitzewelle für den Raum entschieden, da er im Keller lag und somit einfach kühler war.
Somit fand ich das in Ordnung und vielleicht ändern sie auch noch das Licht da unten. Zutrauen würde ich es ihnen, nach allem was ich bisher von Auticon erfahren durfte.

Ingesamt kann ich Auticon nur loben und ich habe mich dort sehr wohl gefühlt.
Auch wenn es nicht mit einer Einstellung klappen sollte, ist dies eine Erfahrung, die ich in guter Erinnerung behalten werde. Als gutes Beispiel dafür, wie es auch sein kann, und das ganz ohne großen Aufwand. Einfach nur mit ein wenig Verständnis.
Danke dafür!

In diesem Sinne „bye, bye München“, vielleicht sieht man sich wieder.

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in dieser Reihe:

Erprobungswoche Auticon: Tag 1

Erprobungswoche Auticon: Tag 2

Erprobungswoche Auticon: Tag 3

Erprobungswoche Auticon: Tag 4

Erprobungswoche Auticon: Tag 5

Ein Gespräch bei Auticon

Praktikum (erste Woche)

Praktikum (zweite Woche)

Praktikum (dritte Woche)

Praktikum (vierte Woche)

Praktikum (fünfte Woche)

Praktikum (sechste und siebte Woche)

Praktikum (achte Woche)

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