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Oftmals ist mein Sinn für Gerechtigkeit für andere nicht nachzuvollziehen. Für mich allerdings, sind sie logisch und konsequent.
Ist z.B. einmal eine Regel festgelegt, dann gilt sie immer und für alle Personen. Einschließlich mir selber und ungeachtet der Umstände.
Ich gebe so gut wie nie nach, außer wenn hierfür ebenfalls Regeln aufgestellt wurden.

Für mich stellt sich da immer wieder die Frage:
Wo zieht man denn da die Grenze, wo gibt man nach und wenn ich das machen würde, wäre es nicht unfair den anderen gegenüber?
Man kann sich vielleicht nicht vorstellen, wie viel ich da an Möglichkeiten mit einbeziehe.

Z.B. gilt bei uns zu Tisch: „Was man sich selber genommen hat, muss man auch aufessen. Entstanden ist sie Regel, weil meine Söhne die Angewohnheit haben, rein aus der Angst heraus nicht genug zu bekommen, sich die Teller voll zu schaufeln. Mehr als einmal kam es so, das ich gar nichts mehr abbekommen hatte. Ansich ok, weil dann habe ich vermeintlich zu wenig gemacht und bin da irgendwo selber Schuld. In solch einem Falle verzichte ich lieber auf meine eigene Portion, Hauptsache die Kinder werden satt. Richtig bitter wird es allerdings dann, wenn sie dann nach der Hälfte den Teller von sich schieben und verkünden, das sie satt sind. So habe ich nichts abbekommen, rein aus dem Fressneid heraus und dann essen sie es noch nichtmal auf.
Durch die Regel, das sie in solch einem Fall aufessen müssen, sollten sie lernen lieber weniger zu nehmen und notfalls gern nochmal nachzufassen. Das funktioniert ansich auch ganz gut. Jetzt ist es aber manchmal so, dass meine Tochter aus purer Erschöpfung manchmal mitten beim essen schier einschläft oder damit zu spielen anfängt. In beiden Fällen sollte ich eine Ausnahme machen…eigentlich. Wurde mir oft gesagt. Aber ich kann nicht. Denn die Regel ist ja, dass sie aufessen müssen was sie sich genommen haben und gebe ich einmal nach, wie begründe ich es dann in einem anderen Fall? Denn seien wir mal ehrlich. Kinder sind sehr schlau und wenn sie irgendwo eine Lücke entdecken, wird sie schamlos zu ihren Gunsten ausgelegt.
Auch hier wieder die Frage. Wo ziehe ich da die Grenze?
Wären wir dann nicht wieder ganz schnell da, wo wir schonmal waren?

In manchen Fällen wünschte ich, ich könnte flexibler handeln, könnte es sein lassen, etwas dazu sagen zu müssen.
Selbst wenn ich es eine Weile rauszögern kann, in Kauf nehme innerlich zu brodeln, damit ich es nicht schlimmer mache, als es so schon ist, irgendwann platzt es raus und da ich es nicht blumig verpacken kann, immer so, als das es das Gegenüber als Breitseite empfindet.

Wie sehr ich Regelfixiert bin, wie sehr ich ein für mich ganz eigenes Gerechtigkeitsempfinden habe, das kann kaum einer nachvollziehen.
So kann ich beispielsweise nicht dem einem ein Schimpfwort durchgehen lassen und den anderen dafür rügen. Wer entscheidet denn in solch einem Fall, was nun als Schimpfwort gilt oder was nicht. Der Duden? Wikipedia?
Gerade aus einem recht aktuellem Fall ging es um die Worte Troll und Depp. Troll ist für mich sehr negativ behaftet und beschreibt im Grunde eine gewisse Eigenschaft oder einen Typ von Mensch, irgendwo einen Provokateur.
Genauso wie Depp eine Eigenschaft des Menschen beschreibt und ihn irgendwo dumm darstellt.

Ist Troll jetzt weniger schlimm, weil es in Wikipedia als allgemeingebräuchlich gehandelt wird? Zur Info, Depp wird sogar im Duden als gebräuchlich aufgeführt und es gibt diverse Gerichtsurteile gerade aus dem schwäbischen Raum, wo Menschen wegen Depp nicht rechtlich als Beleidigung belangt werden durften, da es im allgemeinem Sprachgebrauch der Schwaben völlig normal ist.

Noch unglaublicher wird es, wenn man selbst als beispielsweise Troll bezeichnet wird und das als schwere Beleidigung versteht, weil man ist ja aus seiner Sicht keiner und bezeichnet dann einen anderen als genau so einen. Aber das ist dann gebräuchlich.
Wie genau soll man da eine Grenze ziehen. Wie soll ich vor mir selber begründen.
Genauso wenig könnte ich mich dann noch gutes Gewissens hinstellen und Politiker und Medien den weiteren Gebrauch von Autist als negativ beschreibende Eigenschaft anprangern.
Wo ist da die Relation, wo genau denn der Unterschied und ganz gleich aus welchen Genre ihr kommt…ganz sachbezogen betrachtet … habe ich da nicht Recht?

Aber so wird es nicht gesehen und so gerate ich so immer und immer wieder in Situationen, in denen ich massiv angegriffen werde.
Verprelle mir gute Freunde, weil ich einfach meinen Mund nicht halten kann, wie in einer Situation vor einiger Zeit, als ich eine mir für mich sehr wichtige Person derart vor den Kopf stieß, weil ich einfach einen Wunsch nach Rückzug nicht nachvollziehen konnte, wenn man gleichzeitig andernorts unter neuen Namen wieder Kontakte sucht und mich dabei völlig im unklaren lässt.

Was ist dann die logische Konsequenz?

Das innerliche Brodeln ist für mich kaum auszuhalten und das ist auch der Grund, warum ich kaum noch schreibe. Mein Gerechtigkeitssinn, meine Logik der Dinge ist definitiv nicht gesellschaftskonform, das habe ich verstanden.

Ich bin mir bewusst, das ich mit dieser Art an mir schwer anecke und solange ich still halte, passieren nicht weiter solche Dinge. Solange ich niemanden an mich ran lasse.
Das macht mich zwar sehr einsam, aber wenigsten kann ich an dieser Stelle im Internet eine klare Grenze für mich ziehen.
Trotz meiner extremen Harmoniebedürftigkeit und meinem Bedürfnis dazu zu gehören, irgendwo, Freunde zu haben, bin ich so zum Einzelgänger verdammt.

Schwerer wird es da für mich im privaten Bereich oder man kann auch sagen im reellem Leben.
Gerade mein Beharren auf Abläufe und genau Abfolgen (ich kann wirklich nichts gleichzeitig erledigen) brachte mich schon oft in Schwierigkeiten oder ließ mich nach außen sehr ungerecht wirken. Meine Unfähigkeit, situationsbedingt umzuschwenken. Es mal zu erlauben und ein andermal nicht. Das bekomme ich einfach nicht hin.
Vielleicht ist es genau das, was die Ärzte mit starr meinen oder nicht Schwingungsfähig. Vielleicht ist es das, was nach außen als extrem schwarz-weiß empfunden wird.
Vielleicht sogar das, was unter manch Fachexperten die Meinung geschürt hatte, das Autisten nicht Beziehungsfähig wären.

Ich schaue weder nach rechts, noch nach links. Bei mir muss es immer straight geradeaus gehen ohne Rücksicht auf die Situation. Aber ich denke, nicht nur das ist das Problem.
Da spielt sicher auch mein fehlende Fähigkeit zum Perspektivwechsel mit rein. Mein Unvermögen, mich wirklich in andere hineinzuversetzen.

Das was für mich wirkliche Gerechtigkeit bedeutet, die Abläufe, die ich brauche und mein Bestreben ein möglichst gleichbleibenden Alltag zu erreichen, ist für andere genau das, was es ihnen teilweise unmöglich macht mit mir auszukommen. Wo sie an Grenzen stoßen.
Ein Auskommen mit anderen würde für mich bedeuten, gegen meine Natur gehen zu müssen. Gegen meine Überzeugungen und das was mir Halt gibt. Irgendwo auch gegen mich als Person, oder meine Erziehung.

Warum Erziehung?

Ein Gedanke, der mich beschäftigt, seit ich die Diagnose habe, ist die Frage nach der Entwicklungsverzögerung. Sind es diese Dinge, wie Perspektivwechsel, die Fähigkeit auf andere Situationen angepasst zu übertragen, etc? Und warum kriegen das manch andere Autisten, die ich kennengelernt habe, besser hin, auch wenn sie dafür eine enorme Denkleistung benötigen. Was lief bei mir schief. Ist da der Fehler in meiner Kindheit zu suchen? Vielleicht ist es die Tatsache, dass ich niemanden in meiner Kindheit und Jugend, ja, selbst auch als Erwachsene hatte, der sich die Mühe machte, mir das ein oder andere zu erklären.
Was da meines Erachtens sehr zum Tragen kommt, ist meine sehr konditionelle Erziehung, die mir meine Eltern zuteil werden ließen. Immer musste ich einfach nur funktionieren.

So wurde mir in jungen Jahren eingebleut, dass ich jeden zu grüßen habe. Teilweise mit recht brachialen Mitteln. So lernte ich zumindest, dass ich es so nicht mehr machen sollte und das recht schnell. Aber was sie stattdessen von mir erwarteten, dass habe ich nie verstanden.
Später, als ich langsam in die Pubertät kam, wurde mir entsetzt entgegnet, das ich doch nicht jeden Fremden grüßen dürfe, da ich so Gewaltverbrechern die Türe öffnen würde. Ab dem Zeitpunkt war ich so sehr verwirrt über das Ob und Wann, dass ich eine ganze Zeitlang niemanden mehr grüßte und bis heute habe ich Schwierigkeiten damit, in solchen Situationen abzuwägen.

Das erklärt dann vielleicht auch, warum ich so sehr gegen ABA und eine konditionelle Erziehung bin. Wenn man dressiert wird, anstatt „verstehen zu lernen“ wird man nicht auf wechselnde Bedingungen vorbereitet. Situationsbedingt umzuschwenken habe ich nie gelernt.

Vielleicht ist es für mich schon zu spät.

Allerdings ist es für die Kinder nicht zu spät. Auch wenn „verstehendes Lernen“ viele Jahre dauert und es sehr anstrengend sein kann, so macht der vermeintlich „schnellere“ Erfolg viel zuviel kaputt. Oft erst in späteren Jahren erkennbar und damit oft längst nicht mehr im Verantwortungsbereich der Therapeuten. Aber da muss ich euch soweit enttäuschen.

Die Verantwortung endet nie!

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