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Ich finde es recht schwer genau zu beschreiben, in welchen Situationen und aus welchen Gründen stimmings benötigt werden, oder was genau stimming ist.
Vor allem aber, ist da eine genaue Abgrenzung zum NT recht schwer.
Es kursiert da recht viel im Internet. Manche sagen, stimming sind Stereotypen, andere wiederum differenzieren das.
Stimming bedeutet rein begrifflich ein Stimulieren von z.B. sich selber. Ich persönlich setze stimming der Stereotype gleich. Denn ich sehe da nicht wirklich ein Differenzierungspotenzial, dürft mich aber gerne berichtigen, wenn ihr das wollt.
Naja, und außerdem habe ich einen indirekten oder eigentlich fast direkten Auftrag dazu bekommen, einen Artikel zu diesem Thema zu verfassen 😀

 

Ich will es mal versuchen, weil ich da ich doch immer wieder lese, gerade von manchen Eltern, die ihren Kindern verbieten Stereotypen durchzuführen oder eben doch versuchen diese abzutrainieren oder, noch schauerlicher, innerhalb einer ABA Therapie stimmings als Verstärker einsetzten. Das ist für mich absolut unverständlich, denn sie sind essenziell für mich. Oft die einzige Möglichkeit mit meinem Gefühlschaos oder auch Gedankenkreisel klarzukommen. Manchmal die letzte Chance mich vor einem Ausrasten zu bewahren, das Chaos um mich herum zu ertragen oder mich zu konzentrieren, wenn ich eigentlich nicht mehr kann. Unabdingbar, wenn man noch versucht in Sicherheit zu kommen, bevor man in den Overload, Shut- oder Meltdown geht.

Stereotypen können beruhigend sein durch das Gleichbleibende. Ich hatte mal die Theorie, dass das Schaukeln noch aus der Erinnerung an den Mutterleib kommt, aber belegen kann ich das nicht. Sie können die Sinne regulieren, wenn einen die Reize überfluten.

Auch wenn eine plötzliche Planänderung auftritt, einem die Gefühle derart überschwemmen, das man damit nicht umgehen kann oder wenn einen die Verzweiflung und die Wut über seine eigene Unfähigkeit übermannt, dann kann sich auch da ein ungeheurer Druck aufbauen. Es brodelt dann sprichwörtlich unterhalb der Oberfläche, nur das ich es nicht rauslassen kann. Stimming kann den Druck nehmen, der sich manchmal so aufbauen kann, das es einen innerlich fast zerreißt. Nach außen wirke ich in solch einer Phase nur unruhig, aber innerlich stehe ich kurz vorm Platzen. Wie wenn man mit einer spitzen Nadel an der Oberfläche kratzt. Wenn andere auf gefühlten 180 sind, bin ich meist schon jenseits der 500, bevor man das bei mir sehen kann.
Oft findet dieses Chaos keinen anderen Weg nach draußen. Es ist, wie wenn Gefühle einsperrt sind. Man möchte es gern ausdrücken, kann es nicht und versucht dann seiner Gefühle Herr zu werden.

Starke Freude äußert sich bei mir meist in Hände flattern oder klatschen und hüpfen. Man muss dazu erklären, das auch positive Ereignisse oder starke Freude ein Gefühl sein kann, das einen überschwemmt. Ich habe mal bemerkt, das dies ab einem gewissen Alter als unpassend? für eine „Dame“ angesehen wird oder als komisch (zumindest laut meiner Mutter) und so unterdrücke ich meist diesen ersten Impuls sofort, wenn ich es mitbekomme, und leite es dann in Herumlaufen um. Wenn man aufmerksam ist, kann man das sehen.
Mir hilft das Herumrennen sehr oft (ich laufe gern achten, ist mir mal aufgefallen). Bei gewissen Gefühlszuständen, z.B. wenn ich unter innerem Druck stehe oder aufgeregt bin, muss ich mich bewegen.

Manchmal sind gewisse gleichbleibende Handlungsabläufe ebenfalls als stereotyp zu bezeichnen. Beispielsweise ist das Küche putzen einer meiner stärksten Routinen, sodass ich sie fast als stereotyp bezeichnen würde, weil es immer die gleichen Bewegungsabläufe sind. Es beruhigt mich durch das Bewegen in starker Unruhe und hilft mich neu zu ordnen.
Bei meinem Großen ist es in solch einem Fall sein Nintendo (oder davor seine Wii) mit seinem Mariospiel. Er spielt seit Jahren das ein und dasselbe Spiel. Manchmal wechselt er auch ein Spiel (dennoch immer Mario, nur in verschiedenen Varianten) und spielt das dann wieder über sehr lange Zeit.

Wenn der innere Druck sehr groß ist, hilft bei mir schlagen (bei mir oft gegen Tischplatten oder Wände mit der Hand oder dergleichen, so bös das klingt, der Schmerz hilft zu fokussieren, man kann sich besser konzentrieren. Kauen hilft auch zu fokussieren. Genauso reiben, bei mir manchmal bis die Haut Brandblasen wirft, etc. Das sind gerade dann die Hilfsmittel für mich, wenn die Außenreize oder das Zuviel an Input mich daran hindern weiter zu funktionieren.
Auch Lautierungen können stimmings sein. Manche singen sogar.
Der neuste vokale Tic meines Sohnes ist ein immerwährendes Schniefen, gerade wenn er in Unruhe ist.
Als Kind hatte ich auch recht viele Tics und auch vokale Tics. Seit ich erwachsen bin, sind sie seltener geworden. Es muss schon sehr schlimm sein, wenn sie doch mal vorkommen und meistens nur, wenn ich wirklich allein bin.

Manche sagen sogar, das ein stetiger Geräuschpegel im Hintergrund (Fernseher, Radio) bei Reizunterflutung und z.B. bei Reizüberflutung das immerwährende Hören des ein und desselben Liedes stimming ist. Beides kommt auch bei mir vor.
Ich habe viele Varianten, von auffällig bis unauffällig. Manchmal bemerke ich es noch nichtmal.

Ich persönlich erinnere mich an eine Matheklausur. Ich wollte mich konzentrieren und konnte es nicht. Selbst wenn die Klasse vermeintlich ganz still war, so waren da noch unzählige andere Geräusche. Das Kratzen der Stifte auf den Blättern, das scharren der Stühle, das Wippen der Beine oder die Kinder auf dem Gang etc. Die Zeit verrinnt und man versucht verzweifelt anderes auszublenden, um sich endlich auf das wesentliche konzentrieren zu können. Unbewusst tat ich das Einzige, was mir da half. Ich fing an zu singen. Nicht zu laut. Gerade so, das es die Geräusche der anderen übertünchte. Gemerkt hatte ich das nichtmal. Als der Lehrer in die Klasse brüllte, wer da denn singen würde, fragte ich mich im ersten Moment tatsächlich, wer dieser Idiot sei, nur um festzustellen, dass ich selber vermeintlicher Idiot war.

Noch heute habe ich oft Situationen, wo ich anfange zu zappeln (wie ich es nenne) oder zu wippen und es erst gar nicht bemerke. Es ist das, was ich in diesem Moment brauche und automatisch mache. Meist unterdrücke ich es in dem Moment, wenn ich es merke, gerade im sozialen Kontext.

 

Stimmings wie sie von manchen genannt werden oder auch Stereotypen sind wichtig für eigentlich alle Autisten auch wenn es im ICD10 nicht zwingend ein Kriterium ist (ist meine persönliche Meinung). In welcher Form auch immer.
Die Bandbreite und Vielfältigkeit ist sehr groß und daher kann man auch nie pauschal sagen, was mir hilft, muss auch den anderen helfen.
Sie sind äußerst individuell. Auch die Gründe, wofür sie gebraucht werden.
Oft setzten Autisten für die verschiedensten Situationen entsprechende stimmings ein. Gemeinsam haben sie nur, das wir sie brauchen und es alles weitaus schlimmer macht, wenn man von uns verlangt sie abzutrainieren oder zu unterlassen (was eh nicht funktioniert, das einzige Resultat ist das wir lernen sie zu unterdrücken und sie nur dann zuzulassen, wenn wir allein sind).
Hindert man einen Autisten daran, dann kann es sogar passieren, das er je nach Situation in starken Aggressionen entlädt.
Wobei das auch typenabhängig ist und vor allem will ich an der Stelle nochmals erwähnen, das Autisten sich eher autoaggressiv verhalten. Höchstens mal Sachen herumschmeißen, aber selten andere angreifen, außer sie befinden sich in einer auswegslosen oder hilflosen Lage, aus der sie auszubrechen versuchen.

Es ist maximal ein Umleiten möglich. Aber das erfordert viel Kraft, Willen und Training, und um so mehr man unter Stress gerät oder auch umso schneller man unter Stress gerät, umso schwerer ist es, sie umzuleiten. Man scheint dann wieder in alte Verhaltensweisen zurückzufallen.

Versucht mal, wenn ihr so richtig stinkwütend sein, das zu unterdrücken. Wenn ihr das eine Weile macht, dann macht es euch krank.
Meine ganze Magen- und Rückenproblematik kommt daher.
Beispielsweise ist die Anspannung enorm,wenn die Situation einen Blickkontakt erfordert. Vor allem bei fremden Personen verkrampft mein ganzer Körper. Meine Zehen und Finger sehen dann aus wie Krallen. Ich beiße mir dann manchmal die Lippen von innen blutig. Im Kopf ein einziger Gedanke *in die Augen kucken*. Vom Gespräch kriege ich dann nicht wirklich was mit. Die volle Konzentration liegt beim Augenkontakt.
Ich brauche meist Tage, um diese Verkrampfungen wieder lösen zu können.

 

Gerade in Stresssituationen helfen stimmings ungemein, und wie man aus den vorherigen Blogs vielleicht schon herauslesen konnte, sind Autisten weit häufiger unter Stress als Nichtautistische.
Es gibt auch durchaus stimmings unter den nichtautistischen Menschen. Sie sind vielleicht als eher gesellschaftstauglich eingestuft, weil sie irgendwo jeder macht, wie z.B. mit den Haaren spielen, Nägel kauen oder auf Stiften etc. Sie kommen aber auch nicht in der Häufigkeit vor und eben auch nicht in der Intensität. Meist nur resultierend aus einer gewissen Nervosität heraus und nicht um sich soweit zu stimulieren, das man überhaupt weiter funktionieren kann.

Ich habe über die Jahre viele Strategien entwickelt. Habe gelernt, sie umzuleiten.Gerade im gesellschaftlichen Kontext habe ich gelernt, stimmings so weit es geht zu unterdrücken oder sie in unauffälligere Varianten umzuleiten.
Natürlich muss man eingreifen, wenn es Stereotypen sind, bei denen man sich stetig verletzt oder Sachen zerstört. Es ist schwer, aber machbar.

Viele stimmings kann oder konnte ich umleiten, eben durch andere stimmings und indem ich mein Umfeld entsprechend gestalte.
Ich brauche meine Sicherheiten. Meine Routinen und Stereotypen.
Umleiten kostet enorm viel Kraft und erfordert ein sehr langes Training. Gerade wenn es Agressionen sind, in welcher Form auch immer, ist ein Umleiten angebracht. Bei solchen Dingen sehe ich es ein.
Aber mal Hand aufs Herz, wem tut den ein Schaukeln, im Kreis rennen oder ein Händewedeln weh.
Insgesamt können solche Stereotypen, stimmings oder auch Tics (sie haben viele Namen) sogar hilfreich sein, denn sie deuten immer darauf hin, das irgendwas schief läuft. Sie sind oft die Vorboten einer Überreizung, selbst eines Wutausbruches. Beobachtet man genau, so gehen dem Wutausbruch meist vorher solche stimmings voraus. Sie enthalten ein Muster. Viele Eltern beschweren sich, das Autisten manchmal ohne Vorwarnung hochgehen können. Aber das stimmt so nicht. Man hat nur nicht genau genug hingesehen. Es können mitunter kleinste Tics sein!

Stereotypen,Tics oder stimmings tun niemanden etwas, außer vielleicht das manche meinen, sie wären zu auffällig, nicht gesellschaftsfähig und machen nur dumme Leute.
Das ist leider oft das Bild nach außen und das, was mich das Leben gelehrt hat.
Ich glaube, den meisten ist gar nicht bewusst, wie wichtig sie für uns sind. Die Meinungen gehen auch stark darin auseinander, was genau unter Stereotype und stimming fällt und das macht es daher oft schwer, das anderen zu vermitteln.

 

Und dennoch, ich brauche sie, sie geben mir Sicherheit, beruhigen mich und holen mich runter. Sie lassen mich vieles ertragen in einer Welt, die mir viel zu laut, chaotisch und unberechenbar ist.

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