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Mir wurde bei der Diagnostik Folgendes gesagt … Autisten haben einige sehr gute Eigenschaften aber eben auch einige schlechte und das ist nunmal so, das werde ich nie ändern können. Mit keiner Therapie der Welt. Das „nicht Können“ ist aber genau das, was viele nicht verstehen. Es ist nicht ein nicht wollen, sondern ein nicht können.
Wie soll das aber auch verständlich sein für Menschen, die gelernt haben, etwas nur arg genug zu wollen um es hinzubekommen. Dass man alles auf dieser Welt lernen kann.
Wie sollen sie verstehen, dass logisches Denken mein Leben beherrscht. Menschen denken nunmal auf der emotionalen Ebene. Da treffen Welten aufeinander.
Wie soll man das denen begreiflich machen? Selbst die, die sich damit auseinandersetzten aber es selber nicht kennen, selbst die können es anhand von Beispielen doch nur erahnen. Aber wirklich verstehen? Das bezweifle ich.
Wenn man gereizt ist und ab und an ausrastet, nun dann macht man eine Verhaltenstherapie. Wenn man erschöpft ist, dann erholt man sich, oder es wird zu einer Depression ernannt. Sie kennen die Auswirkungen,jeder für sich kennt mal die ein oder andere Situation.

Ich muss mir sehr oft anhören, das kenn ich aber auch.
Natürlich …aber nicht in dem Ausmaß, nicht in der Intensität und nicht aus dem Grund. Und das unsere Gründe eben nicht wegzutherapieren sind. Aber wie soll man das alles auch verstehen, wenn man es selber nur erahnen kann.
In einer Welt, in der die der Schein des perfekten Menschen wichtiger geworden ist als der Mensch selber.

Bin ich behindert? Oder ist mein Kind behindert?

Diese Diskussion kommt immer wieder auf, vor allem wenn Kinder involviert sind. Manche Autisten sehen sich als behindert, andere weisen dies weit von sich.
Ich empfinde es selber nicht als schlimm. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich Behinderung für mich anders definiere. Ich bin allerdings auch älter und mein Sohn wird mir diese Frage in naher Zukunft auch stellen.
Das Problem ist eben das Bild, das die meisten von „Behinderung“ haben. Eine Behinderung zu haben heißt doch in meinen Augen, dass man lediglich in manchen Situationen gehindert ist. Das setzt aber nicht die häufige Assoziation „Behinderung = bescheuert“ voraus.
Menschen neigen dazu immer das schlechteste Bild vorauszusetzen. So ist der Autist oft der in seine Welt versunkene, nicht-sprechende, oft schreiend und um sich schlagende inselbegabte Savant ala Rainman. Der Behinderte ist der vor sich hinsabbernde, entrückte, stark intelligenzgeminderte Mensch, der zu einer Teilnahme am allgemeinem Leben nicht fähig ist. Oder sind nur die Menschen behindert, die offensichtlich ein körperliches Gebrechen haben?

Was ist denn Behinderung

betrachtet man die Definition aus dem Sozialgesetzbuch

§ 2 Behinderung
(1) Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.
(2) Menschen sind im Sinne des Teils 2 schwerbehindert, wenn bei ihnen ein Grad der Behinderung von wenigstens 50 vorliegt und sie ihren Wohnsitz, ihren gewöhnlichen Aufenthalt oder ihre Beschäftigung auf einem Arbeitsplatz im Sinne des § 73 rechtmäßig im Geltungsbereich dieses Gesetzbuches haben.
Schwerbehinderten Menschen gleichgestellt werden sollen behinderte Menschen mit einem Grad der Behinderung von weniger als 50, aber wenigstens 30, bei denen die übrigen Voraussetzungen des Absatzes 2 vorliegen, wenn sie infolge ihrer Behinderung ohne die Gleichstellung einen geeigneten Arbeitsplatz im Sinne des § 73 nicht erlangen oder nicht behalten können (gleichgestellte behinderte Menschen).

gelten nicht nur Menschen mit körperlichen Gebrechen als behindert, sondern eben auch Menschen die aus den verschiedensten Gründen an einer Teilhabe in den verschiedensten Lebensbereichen „gehindert“ sind.
Ich finde zwar die Bezeichnung „seelische“ Behinderung etwas unglücklich gewählt, aber ich persönlich fühle mich auch derzeit gehindert oder sagen wir…ich merke momentan genau, wo meine Defizite liegen, da mir momentan nach und nach sämtliche Routinen und Sicherheiten abhanden gehen.
Generell sehe ich manche meiner sogenannten Defizite sogar als gute Eigenschaft…auch wenn das nach außen nicht immer so gesehen wird. Es macht mich zu dem wer ich bin und der Mensch der ohne Fehler ist, der muss sich mir erstmal vorstellen.
Den perfekten Menschen gibt es nicht in meinen Augen. Dennoch finde ich es falsch, Autismus zu bagatellisieren. Oder zu behaupten, das wäre keine Behinderung oder „nur“ eine andere Art zu sein. Ich bezeichne mich auch als anders, so ist es nicht…aber ich weiß das es Bereiche gibt wo ich Hilfe brauche und die würde ich nicht bekommen wenn es „nur“ eine andere Art des seins wäre. Für mich gibt es auch nicht den milden oder leichten Autismus. In meinen Augen ist ein Autist ein Autist.

Nach außen betrachtet werden gerade Autisten, die sich gut anpassen können und daher nicht so stark auffallen, falsch beurteilt. Da ist sogar gerade im erwachsenen Alter oft die Rede vom „geheilten“ Autismus. Ist denn ein erwachsener Mensch, der das Glück, hatte sein Umfeld so zu gestalten, das er sich ganz gut anpassen kann, weniger autistisch als der andere, der dieses Glück eben nicht hatte.

Ich habe eine recht hohe Anpassungsfähigkeit und man sagt ich habe eine recht gute Innensicht. Nach außen mag das stimmen. Aber man sieht nicht wie viele Gedanken ich mir mache, bevor zum Beispiel ein solcher Artikel entsteht. Man sieht nicht wie viel Kraft es mich kostet mich derart anzupassen, dass ich z.B. 2 Stunden Erholung brauche nach einem Einkauf, da ich völlig erschöpft bin.
Allein schon die Vorbereitung für einen Einkauf, die Durchführung und wehe es geht was schief.

So kann es mich durcheinanderbringen, wenn man den Einkaufszettel kurzfristig ändert. Wenn ich einen Einkaufszettel schreibe, dann gehe ich im Kopf immer den Laden durch. Das bestimmt dann auch die Reihenfolge, in der die Besorgungen aufgeschrieben werden. Wenn nun was geändert wird. Dann steht es nicht mehr in der richtigen Reihenfolge und ich muss meinen Rundgang im Kopf von vorn beginnen. Das kann durchaus eine Weile dauern.
Werde ich unplanmäßig in einen Laden geschickt, den ich nicht kenne. Zum Beispiel, weil ich etwas in einem Laden holen soll, der auf meinen Weg liegt. Dann macht es mich unsicher und sehr nervös, weil ich dann möglichst genau wissen will, wo ich was finde, wie es genau bezeichnet wird und am besten noch die richtige Reihenfolge.
Noch komplizierter wird es, wenn ein bekannter Laden umgebaut wurde, oder, wenn das, was ich normal immer einkaufe, nicht an seinem Platz steht. Das kann mich dann ganz schnell überfordern. Vor allem auch deswegen, weil in Situationen wie diesen zusätzlich sehr viele Sinneseindrücke auf mich einströmen.“
(Auszug aus meinem Artikel „Man hört nicht auf Autist zu sein, nur weil man erwachsen geworden ist“ )

Dann kommt noch dazu, dass sich manchmal Lebenssituationen ändern können.
Was ist, wenn sich das ganze Leben plötzlich ändert oder der Stress zunimmt. Wenn 24 Stunden Tag nicht mehr ausreichen, um genug Ruhephasen einzubauen. Dann brechen auf einmal die Strukturen ein und übrig bleibt das autistische Sein.

Plötzlich brauche ich Hilfe, dass was vorher noch gut funktionierte, bekomme ich nicht mehr alleine hin. Weil meine Sicherheiten wegbrechen, meine Abläufe verändert werden und meine Routinen wegfallen.
Aber was viel wichtiger ist, weil mir Personen wegbrechen, die bis dahin meine Defizite ausgeglichen haben. Personen, die mir Ämtergänge abgenommen haben, Anrufe, mich bei wichtigen Arztbesuchen begleitet haben, für mich einkaufen waren, etc.

Jetzt denken manche, mach einfach eine Therapie, oder stell dich nicht so an, reiß dich mal zusammen. Ich bekomme tolle Ratschläge, was ich alles machen sollte. Aber hat mal jemand daran gedacht, dass ich das allein nicht hinbekomme? Ich brauche tatsächlich Hilfe um Hilfe zu beantragen.

Insgesamt muss jeder für sich selber entscheiden, wie er seinen Autismus für sich sieht. Ich finde es falsch Autismus zu bagatellisieren oder wie manche es auch gerne tun, Autismus als was besonderes und erstrebenswertes zu sehen. Eine besondere Art zu sein. Da gibt es teilweise Bewegungen in diese Richtung, die ich mit Sorge betrachte.

Ich für mich sehe meinen Autismus als das, was es ist. Das bin ich. Aber ich bin mir bewusst, dass ich nicht immer ohne Hilfe auskomme.
Dass Situationen entstehen können und das manchmal recht schnell, in denen ich hilflos bin. Das ist nichts Schlimmes und auch nur menschlich.

Ich habe da immer einen Spruch, den ich mal vor Jahren geschrieben habe und immer noch sehr gerne in Foren in meine Signatur aufnehme:

Stark sein ist leicht, keine Kunst. Aber Schwächen zugeben zeugt von wahrer Stärke und vermag nicht jeder

Zur damaligen Zeit als dieser Spruch entstand wusste ich noch nichts von Autismus. Aber ich wusste, dass ich Schwächen habe und das hat sich bis heute nicht geändert.

Laut der Definition im Sozialgesetzbuch bin ich behindert. Aber deswegen nicht weniger Mensch.

Mein Rat an die Eltern oder auch an selbst Betroffene und Angehörige. Prüft immer genau was das beste für die Person ist und verweigert ihnen nicht die Hilfen, die ihnen von Gesetz her zustehen.
Autisten müssen in meinen Augen nicht auf „Biegen und Brechen“ angepasst sein und es ist durchaus legitim ihre Defizite anzuerkennen und sie da zu unterstützen. Aber auch sie in ihren Stärken zu fördern.

Aber auch ein Wort an die Stellen, die uns diese Hilfe oft verweigern oder es sehr schwer machen diese zu beantragen. Es ist unser gutes Recht!

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