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Momentan ändert sich vieles bei mir. Im Grunde mein ganzes Leben. Ich kann schlecht planen. Vieles ist ungewiss.
Die ganze Situation macht mich sehr unsicher und nicht nur mich. Auch meinen autistischen Sohn.

Was ist das mit den Veränderungen?

Ich hatte mal darüber berichtet, wie das bei mir mit den Routinen ist. Das mein strukturierter Tagesablauf, meine Routinen und meine geplanten Abläufe sehr wichtig sind. Schwierig sind für mich Veränderungen. Ich persönlich kann schlecht mit Veränderungen umgehen, was allerdings bei jedem Autisten auch wieder anders sein kann.
Es ist wie eine Perlenkette. Das Beispiel anhand einer Perlenkette hab ich mal von Autzeit erzählt bekommen. Da es sich bei mir aber ein wenig anders verhält, beschreibe ich es mal anhand der Perlenkette, wie sich das bei mir darstellt. Zunächst fädelt man eine Perle nach der anderen auf und sie ergeben ein Muster (planen) für den Tag. Fällt nur eine Perle heraus, dann ist das Muster zerstört. Man sucht zunächst die Perle und muss von vorn beginnen. Insofern man die Perle findet.
Mir persönlich ist es möglich da weiter zu machen. Aber es erfordert immens Kraft. Denn nun läuft jeder Handgriff bewusst ab und muss bedacht werden. Ich muss nun immer wieder genau überlegen, welche Perle als Nächstes an der Reihe ist.
Routinen sind in meinen Augen Automatismen, die es mir einfacher machen, in meinem Alltag zurechtzukommen. Ich persönlich kann manchmal schlecht mit Veränderungen umgehen, manchmal besser. Es kommt immer auf die Situation und meine Tagesform an.
Manchmal kann ich dennoch weiter machen. Aber es läuft dann alles auf der bewussten Ebene ab. Ich muss mir dann jeden weiteren Schritt bewusst überlegen. Dadurch wird alles sehr langsam und anstrengend.

So kann es mich durcheinanderbringen, wenn man den Einkaufszettel kurzfristig ändert. Wenn ich einen Einkaufszettel schreibe, dann gehe ich im Kopf immer den Laden durch. Das bestimmt dann auch die Reihenfolge, in der die Besorgungen aufgeschrieben werden. Wenn nun was geändert wird. Dann steht es nicht mehr in der richtigen Reihenfolge und ich muss meinen Rundgang im Kopf von vorn beginnen. Das kann durchaus eine Weile dauern.
Werde ich unplanmäßig in einen Laden geschickt, den ich nicht kenne. Zum Beispiel, weil ich etwas in einem Laden holen soll, der auf meinen Weg liegt. Dann macht es mich unsicher und sehr nervös, weil ich dann möglichst genau wissen will, wo ich was finde, wie es genau bezeichnet wird und am besten noch die richtige Reihenfolge.
Noch komplizierter wird es, wenn ein bekannter Laden umgebaut wurde, oder, wenn das, was ich normal immer einkaufe, nicht an seinem Platz steht. Das kann mich dann ganz schnell überfordern. Vor allem auch deswegen, weil in Situationen wie diesen zusätzlich sehr viele Sinneseindrücke auf mich einströmen.
Ich habe wegen solch einer Unplanmäßigkeit mal einen Autounfall gehabt. Mit einem Tunnelblick Auto zu fahren war keine gute Idee. Dadurch habe ich zwar ein Auto am Rande gesehen aber nicht wirklich registriert.
Genauso, je nach Tagesform, reicht es manchmal schon, wenn ein Gespräch nicht planmäßig verläuft. Oder meine Morgenroutine gestört wird.
Je nachdem wie sehr verändert wird und wie meine Tagesform ist, kann mich eine Veränderung entweder völlig aus der Bahn werfen oder ich schaffe es unter Kraftaufwand den Ablauf weiter zu führen, bis ich mich sozusagen wieder auf sicheren Boden befinde. Also innerhalb meiner normalen Routinen.

Ein Weg in die Ungewissheit

Was ist aber nun, wenn sich so vieles auf einmal und grundlegend verändert, oder sich Dinge ereignen, für die ich noch keine Routinen entwickelt habe. Wenn ich meine Planungen auf andere stützen muss. So kann ich zwar meine Abläufe planen. Aber da halten sich nicht alle Menschen zwingend daran. Viele verstehen nicht, dass ich diese Abläufe brauche. Dass sie mir Sicherheit geben. Dass ich manchmal nur durch sie funktionieren kann.
Da muss so vieles geplant und bedacht werden. Ich plane auch immer mehrere Möglichkeiten ein. Das macht mich flexibler auch wenn dadurch mehr Vorarbeit nötig ist. Gerade wenn sich Planungen jedoch auf andere stützen, ist das immer ein großes Risiko. Das kann auch ein Navi sein, oder eben eine oder mehrere Personen. Wenn dabei etwas schief geht, überfordert mich das gänzlich. Ich weiß dennoch, dass ich es meist irgendwie unter immensen Kraftanstrengungen irgendwie schaffe. Außerdem habe ich gelernt, mit der Zeit doch mal Hilfe anzunehmen. Dennoch passiert es immer wieder, dass meine Planung nicht funktioniert.
So musste ich mal meinen Sohn zu einem Kindergeburtstag fahren in ein mir unbekanntes Gebiet. Ich musste an dem Tag mit einem anderen Auto fahren und hatte daher mein Navi nicht zur Verfügung. Das war jetzt noch nicht weiter schlimm. Ich hatte ja noch mein Navi im Handy (ich arbeite oft mit 2 Navis, falls eines ausfällt) und ausgerechnet an dem Tag fiel das Navi am Handy wegen eines Updates aus.

Nun, mein Sohn war völlig durch den Wind, weil es war ja ausgemacht, das wir dahin fahren und ich wollte ja diesen Termin auch einhalten. Also habe ich die Straßenkartenfunktion des Handys genutzt. Aber ich muss dazu sagen, das ich nicht mehr in der Lage war normal zu kommunizieren. Ich hab von Antritt der Fahrt bis Ende nur schreiend kommuniziert. Dort angekommen konnte ich nur noch meinen Sohn abliefern und ließ mich danach auf dem Bordstein neben meinem Auto nieder. Ich konnte weder nach Hause fahren, noch irgendeinen klaren Gedanken fassen. Wer weiß, wie lange ich da gesessen wäre, wenn mich nicht zufällig die Mutter des Geburtstagskindes gesehen hätte und dann ihren Mann bat, mich in bekanntes Gebiet zu lotsen.

Ich reagiere …

… auf Veränderungen sehr verschieden. Meistens reagiere ich nur sehr gereizt. Manchmal kann ich einfach nicht weiter machen oder ich brauche einen neuen Ansatz und muss neu planen. Wenn ich mich aber zwingen muss weiter zu machen, dann verbrauche ich viel Kraft. Eine solche Situation kann mich in einen Overload stürzen. Dann reagiere ich häufig mit einem abrupten Rückzug. Es gibt allerdings Situationen, wo ein Rückzug nicht möglich ist. Wo ich aus der Situation nicht einfach rauskomme. Dann kann es bis zu einem Wutanfall (Meltdown) gehen.

Normalerweise ist mein erster Gedanke immer die Flucht aus der Situation. Am optimalsten ist dafür mein sicherer Raum. Bis jetzt habe ich es fast immer geschafft, mich rechtzeitig dorthin zu begeben. Das Rausschieben hat nur einen Nachteil. Umso länger ich das rausschiebe, umso heftiger wird dann die Reaktion.
Wenn ein Rückzug nicht möglich ist, dann reagiere ich sehr gereizt. Eine normale Kommunikation ist in dieser Phase meist schon nicht mehr möglich. Hindert man mich allerdings an der Flucht, dann artet es in einen Wutanfall aus. Ich gerate in Panik.

Man stelle sich mal folgende Situation vor. Man ist in einem fremden Land und muss dringend auf die Toilette. Man kann die Sprache nicht sprechen. Kennt das Zeichen nicht. Kann sich also nicht vernünftig artikulieren. Man spricht Personen an und versucht ihnen zu erklären, dass man auf die Toilette muss. Mit jeder Minute, die dabei verstreicht, wird es immer dringender. Nun stelle man sich vor, die anderen verstehen einen nicht. Halte einen vielleicht sogar fest, weil man die Situation missversteht. Man stelle sich die Verzweiflung vor und den Schmerz. Ich glaube jeder weiß, wie weh es mit der Zeit tun kann, wenn man den Drang auf Toilette zu gehen zu lange hinauszögert. Würdet ihr nicht auch irgendwann vor lauter Verzweiflung losbrüllen und euch losreißen?

Ich weiß noch, dass ich als Kind mal nicht gespritzt werden wollte. Das war vorher mit mir so nicht abgesprochen. Sie haben mich zu viert festhalten müssen und dennoch habe ich einiges in der Praxis an dem Tag demoliert. Ich muss dazu sagen, dass ich nie handgreiflich werde. Es sind reine Abwehrmechanismen. Man muss mich ja eigentlich nur gehen lassen. Vor allem sollte mich dann aber niemand festhalten und schon gar nicht eine fremde Person. Ich brauche dann einfach nur Ruhe. Aber es kann dann schon sein, das ich um mich trete, wegschucke und schlage, wenn ich festgehalten werde und dabei können Dinge auch kaputt gehen. Das ist nicht gewollt. Denn eigentlich will ich nur da weg. Raus aus der Situation, die für mich unerträglich ist. Die mir wehtut, weil ich angefasst werde. Weil meine Augen wehtun, mein Kopf.

Im Normalfall ziehe ich mich immer rechtzeitig zurück. Der Shutdown (totaler Rückzug in mich selbst) kommt bei mir weit häufiger vor als der Meltdown (Wutausbruch).
Es gab auch schon Situationen, in denen ich manche Schritte dahin komplett übersprungen habe und direkt in den Shutdown gegangen bin. Das ist normalerweise sehr selten.

Nur in letzter Zeit befinde ich mich sehr häufig an meinen Grenzen. Overloads sind fast an der Tagesordnung.
Dazu kommen massive Veränderungen auf mich, auf uns zu. Viele meiner Routinen werden dadurch erst mal zerstört sein. In der ganzen Aufregung muss ich es möglichst schnell schaffen, neue Routinen, neue Abläufe zu entwickeln. Meine altbekannten Wege werden sich verändern. Mein ganzes Leben.
Ich muss irgendwann einen Weg finden, meine Tagesbelastung wieder auf ein normales Maß zu bringen. Aber das wird erst gehen, wenn ich das alles hinter mich gebracht habe.
Vielleicht ist es auch tatsächlich angebracht eine Therapie zu beginnen. Damit ich lerne, mein Umfeld autismusgerecht zu gestalten. Das wurde mir zumindest nach der Diagnostik empfohlen. Vielleicht ist es sogar nicht verkehrt, über eine Betreuung nachzudenken.
Nur leider scheinen die Angebote für Hilfsmöglichkeiten für erwachsenen Autisten sehr spärlich gesät. Scheinbar geht man davon aus, das nur Kinder autistisch sein können.

Man hört nicht auf Autist zu sein, nur weil man erwachsen geworden ist!

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