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Das sie einmal nicht zerplatzen, dass wünsche ich meinem Sohn. Ab heute ist er Konfirmand und ich hoffe, seine Vorstellungen davon gehen in Erfüllung.
Ich bin kein Kirchgänger, nichtmal gläubig. In seinem Alter war ich es. Ich war sogar Ministrantin und war brav jede Woche in der Kirche. 
Bis eines Tages etwas passierte, das meine Sicht auf die Dinge vollständig verändern sollte. Denn plötzlich erschien der Pfarrer in einem menschlichem Licht. Nicht mehr erhaben. Die Gemeinschaft, bei weitem nicht so fromm und weltoffen, wie anfangs erwartet.
Ich begann Fragen zu stellen, vielleicht liegt es an meinem Gerechtigkeitsinn, meiner Logik oder das ich einfach nicht vergessen kann.
Ich nahm die Bibel auseinander, analysierte die Menschen dort und der Pfarrer tat sein übriges und mein damaliger Glauben war in seinen Grundfesten völlig zerrüttet.
Die Tage vorbei, an denen ich den vermeintlich Erhabenen alles abnahm und ihren Lehren lauschte. Ich begann zu hinterfragen.
Ich war nicht viel älter als mein Sohn heute, als ich für mich begriff, das es auch in einer kirchlichen Gemeinde genauso gemein und ausgrenzend, kriminell und ungerecht sein kann, wie überall anders auch.

Mein kleiner Konfirmand, naja, so klein bist du schon gar nicht mehr. Ich hoffe, diese Erfahrung bleibt dir erspart. Und selbst wenn du sie machst, wünsche ich dir nicht, es auf die harte Tour lernen zu müssen, wie ich es meinerseits lernen musste.

Er ist vermutlich einer der wenigen Jugendlichen, die wirklich aus Überzeugung der Kirche beitreten wollen. Er weiß noch nichtmal, das er Geschenke oder Geld bekommen wird, wenn er konfirmiert ist. Er weiß, das ich nicht glaube und nie in die Kirche gehe, außer es muss sein.
Ihm geht es, denke ich, tatsächlich um diese Gemeinschaft. Endlich dazu gehören. Nette Menschen. Kein Mobbing mehr. Hier müssen sie mich annehmen, wie ich bin. Endlich Freunde.
Ich hoffe wirklich, er wird nicht enttäuscht.

Aber so richtig daran glauben kann ich nicht.
Denn hier läuft es genauso ab wie immer.
In der Kirche wollte mein Sohn einen Außenplatz, damit er nicht inmitten der Leute sitzen muss. Er kann Körperkontakt nur sehr schwer ertragen. Als er auf einen Platz zusteuerte wurde er vom Pfarrer gebremst. Der Platz ist für die Rollstuhlfahrer reserviert.
Gut, ich bin die letzte, die einem Rollstuhlfahrer den Platz nehmen würde, das mal dazu, aber hallo Barrierefreiheit, auch für weniger offensichtliche Behinderte. Da bist du ja wieder.
Mein Sohn hätte sich ja auch für einen Außenplatz an der Wand interessiert, aber da war alles voll und um einen zu bekommen, hätte er die Leute zum einem ansprechen und zum anderen sich durchzwängen müssen.
Ich erinnere mich auch an das Vortreffen der Eltern. Da ging es darum eine Schlange zu bilden um die Papiere zu holen, die für die Konfirmation benötigt wurden. Da ich nicht ohne weiteres in den Mittelgang kam, musste ich von vorn an die Schlange herantreten, die sich extrem schnell bildete. Eigentlich wäre ich die 3te oder 4te gewesen, aber die Schlange schloss sich und ich kam einfach nicht da rein. Stand völlig überfordert und heulend am Rande, schaukelte vor mich hin und wusste einfach nicht, wie und wann ich mich da einreihen soll. Weder vom Pfarrer kam Rettung, noch von den ganzen ach so vermeintlich frommen Menschen, die alle sahen, wie ich am weinen war.
Das härteste war diese eine Frau, die als letztes da stand. Sie fragte mich noch, ob ich schon dran gewesen wäre. Ich reagierte ihr wohl nicht prompt genug und so schob sie sich auch noch an mir vorbei um vor mir dran zu kommen.
Nach einer halben Stunde hatte ich es dann als letzte endlich völlig aufgelöst an diesen Pult geschafft und ich weiß gar nicht mehr, was er mir da vorn eigentlich sagen wollte.

Und ja, der Pfarrer weiß über meinen Autismus bescheid und auch über den meines Sohnes.
Trotz meiner Offenheit darüber, das ich nicht glaube und dazu autistisch bin, appelliert er zudem bei einem Gespräch an mein mütterliches Gewissen, meinem Kind doch ein Vorbild zu sein und fortan an allen Kirchenaktivitäten teilzuhaben.
Noch so einer, dem es nur darum geht, seine Kirchen verbindlich zu füllen und der selber sein Glauben in Menschen, wie meinen Sohn, verloren hat. Junge Menschen, die tatsächlich konfirmiert werden wollen ohne Bestechung in Form von Geldern und Geschenken oder durch Eltern, die ihre Kinder mehr oder minder hinzwingen müssen.
Ich muss ihm kein Vorbild sein, sollte es in diesem Falle auch nicht, denn dann wäre er nicht hier. Aber ich stehe ihm auch nicht im Wege, wenn er es wirklich will und vielleicht ist es auch eine Chance für ihn. Die Möglichkeit halte ich offen und da ist sie wieder, die Hoffnung. Seine Hoffnung, das Menschen auch anders sein können.

Und so sitze ich hier warte, bis er wieder da ist. Mache das, was ich am besten kann und stelle mein bestes Können wiedermal unter Beweis.
Ich bin wirklich Meister im Unsichtbar sein.

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