Ich bin immer noch etwas geschockt. Allein der Gedanke, dass andere meinen Blog dafür herannehmen könnten, Autismus bei anderen herunter zu spielen oder gar die Diagnose in Zweifel zu ziehen.
Das kann ich nicht verstehen und auch nicht so stehen lassen.

Immer wieder, und wenn man meinen Blog aufmerksam liesst, weiß man das auch, weise ich darauf hin, dass ich hier nur mein Empfinden beschreiben kann. Mein Autismus und wie ich damit umgehe. Immer wieder schreibe ich, dass man bedenken soll, wie verschieden Autisten sind und Autismus an sich viele Facetten hat.

Ja, ein gewisser Grundtenor ist da. Auch das ist mir aufgefallen. Das mag der Hauptgrund dafür sein, dass ich mich unter Autisten verstanden fühle. Aber selbst da muss ich vielleicht deutlicher differenzieren. Selbst Autisten verstehen nicht immer meine Reaktion auf manche Situationen. Eher oft nur die Reaktion an sich. Einfach, weil sie wissen, wie sich manche Zustände anfühlen und sie voraussetzen kann. Selbst unter meines Gleichen kommt es immer wieder zu Missverständnissen und Zerwürfnissen. Manche dieser Situationen lasten mir bis heute schwer auf meiner Seele, insofern man es hypothetisch nimmt. Denn eine Seele ist ja nichts materielles und somit kann man auch nicht darauf liegen.
Ich will damit sagen, dass Autisten zwar einen gewissen Grundtenor besitzen. Irgendwo haben wir alle dasselbe Problem im Hintergrund, aber eben reagiert, kompensiert und wirkt jeder für sich auf seine ganz eigene Art. Je nachdem wie kompensationsfähig man ist, welche Ausprägungen vorhanden sind und wie manche Reaktionen nach aussen transportiert werden. Auch die Erfahrung spielt eine erhebliche Rolle und das Umfeld, indem man aufwächst. Wieviel einem erklärt wird, oder auch nicht.
Die Aussenwirkung ist mit Nichten immer gleich und kann erheblich irritieren.
Dieser Grundtenor ist sicherlich nicht mit dieser gleichzusetzen.

Auf Twitter laß ich folgendes Beispiel und das trifft es auf den Punkt:

„Wenn Menschen dick sind, haben sie das gleiche Problem. Ursachen können aber unterschiedlich sein“

Das birgt die Gefahr. Nicht nur im Bereich der Differenzierung zu anderen möglichen Störungen, sondern eben auch untereinander.

Weder kann man meinen Blog dafür hernehmen, sich selbst zu diagnostizieren, noch dafür anderen eine Diagnose abzusprechen, weil sie „laut meinem Blog nicht so autistisch wirken, wie ich“.

Hundertprozentige Gewissheit kann sowieso nur ein spezialisierte Psychiater geben. Und so eine psychiatrische Diagnose wird eben nicht leichtfertig gemacht. Gerade wegen der vielen differenzialen Möglichkeiten und verschiedenen Auswirkungen.

Ich habe auch immer wieder geschrieben, dass ich über meine Aussenwirkung gar nicht schreiben kann, denn ich empfinde diese oftmals gänzlich anders, als sie ankommt. Mehr als einmal habe ich deutlich gemacht, dass hier eine extreme Diskrepanz zu geben scheint.
Ich schreibe hier über meine Innerwelt, nicht über meine Ausserwelt und somit kann mein Blog auch nicht dafür hergenommen zu werden.
In sehr vielen Situationen wirke ich nach aussen mit Sicherheit nicht so, wie es in mir aussieht. Man sieht mir vieles gar nicht an. Merkt höchstens mal einen gewisse Unsicherheit oder Gereiztheit, die oftmals völlig falsch interpretiert wird. Das macht einer meiner Hauptprobleme aus, die ich habe, in meiner Realität.
Auch gestaltet sich meine Aussenwirkung je nach Tagesform anders. Genauso scheine ich plötzlich ein ganz anderer Mensch, wenn ich eine Sicherheitsperson hinter mir weiss. Das ist ein erheblicher Faktor, der oft unterschätzt wird. Denn mit Sicherheitsperson traue ich mir plötzlich Dinge zu, die ich ohne nie bewältigen würde. Und dann sogar oft, ohne die Hilfe zu brauchen. Auf diesem Wege erhalte ich auch mal positive Erfahrungen. Meine Ängste, die sich über Jahre aufgebaut haben, resultieren doch aus den Neagativ-Erfahrungen.

Immer wieder habe ich auch darauf hingewiesen, dass man Autisten nicht rein nach der Aussenwirkung beurteilen darf. Oder aber auch nicht rein nach der Innensicht.

Mir ist klar, dass es für manche von aussen sehr schwer ist. Sie haben ja nur diese. Allerdings machen sich viele da auch nicht die Mühe, den Autisten zuzuhören, die von ihrer Innensicht berichten. Aber das allein reicht eben nicht aus. Vielmehr wäre ein Zusammenspiel von Innensicht und Aussensicht nötig, um genau urteilen zu können. Dazu müsste man einen Menschen aber sehr gut kennen und die Gelegenheit haben, ihn in diversen Situationen beobachten zu können und dazu das Glück, die Innensicht zu kennen. Diese Gelegenheit ist nur selten der Fall, oftmals haben gerade Eltern oder Partner von Autisten diese Sicht, die ich ja gerade deswegen für so wichtig halte. Es ist eine besondere Sicht und mit ein Grund, warum ich entgegen meiner Abneigung im Mittelpunkt zu stehen, entschieden habe, Vorträge zu halten oder mich auch in der Öffentlichkeit zu zeigen.
Nur so kann man beide Seiten von mir sehen und dann würde man vielleicht besser verstehen, wie unterschiedlich sie sein können.

Auch eine meiner Überlegungen war in diesem speziellen Fall, dass da vielleicht eher die Sorge heraus spricht, oder besser gesagt vielleicht die Hoffnung, dass andere nicht dieselben Probleme im Leben haben werden. Dass es vielleicht gar nicht darum geht, eine Diagnose abzusprechen.

Dazu möchte ich auch etwas sagen.
Ich habe meine Diagnose sehr spät erhalten. Als meine Eltern mit mir im Alter von etwa 4-5 Jahren ständig zur Psychiatrie gegangen sind und von einer Klinik zur nächsten, war das Asperger Syndrom wenig bekannt und zudem noch nichtmal im ICD festgeschrieben.
Da sind wir heute wesentlich weiter und der Bekanntheitsgrad steigt. Das ist gut so und aus vielen Gründen notwendig. Nicht nur, um den Berührungsängsten entgegen zu wirken, oder über die Jahre gewachsene Stigmen richtig zu stellen. Sondern eben auch, um für Autismus zu sensibilisieren und auch um Anderen einen Blick in die Innensicht zu gewähren.
Vieles wäre in meinem Leben vielleicht anders gelaufen, wenn ich früher gewusst hätte, warum ich so bin, wie ich bin und auch bei meinem Sohn. Es macht vielleicht manche Aussagen Anderer nicht besser, aber für mich besser verständlich.
Dadurch, dass ich Namen bekommen habe, kann ich meine Probleme besser benennen und endlich adäquate Hilfe einfordern. Das war vorher nicht möglich. Ich stieß nur auf Unverständnis.
Noch heute stoße ich immer wieder auf Menschen, die annehmen, dass meine Kinder das ja noch lernen können oder dass sie da sicher herauswachsen.
Manche Dinge kann man lernen, ja, aber es wird immer Grenzen geben.

Die Frage ist aber nicht, ob diese Grenzen den Menschen ausmachen werden, sondern vielmehr ist es wichtig, wie dieser mit diesen Grenzen umgehen kann. Vielleicht sogar ein Vorteil daraus ziehen kann. Das ist durchaus möglich und passiert immer wieder.
Autisten haben durchaus bei dem richtigen Umfeld die Chance ein tolles und erfülltes Leben zu führen. Dennoch wächst sich Autismus nicht aus. Das zu verstehen ist immens wichtig!
Hier ist der Blickwinkel entscheidend.

Betrachtet man den Autismus rein aus der Sicht eines Nichtautisten und wie er sich ein Leben vorstellt, dann ist Autismus defizitär.
Der kann das nicht und das nicht und das wäre toll, wenn es ihm genauso viel Spaß machen würde wie mir.
Das dieser nicht das „Leben“ leben kann, was andere als lebenswert erachten, das muss grausam sein.

Ist es nicht!

Ich kann den Menschen noch nichtmal einen Vorwurf machen, dass sie so denken. Denn sie kennen es ja nicht anders. Sie kennen nur ihre Art zu leben und die Vorstellung, dass es auch eine andere Sicht, einen anderen Blickwinkel gibt, ist schwer zu greifen.
Aber schon mal überlegt, dass es für mich eure Art zu leben, genauso schwer zu begreifen ist?
Ich kenne es auch nicht anders.

Ich habe trotz meiner Probleme ein tolles Leben. Das einzige, was ich wirklich bereue ist, es nicht früher gewusst zu haben, denn dann wären manch Entscheidungen anders ausgefallen.

Seit meiner Diagnose versuche ich, meinen Weg zu finden und endlich habe ich begonnen, meine Stärken zu leben.
Der Weg ist schwer und vielleicht ist es auf Grund meines Alters zu spät. Oder auch nicht, wer weiss das schon.
Aber gerade die autistischen Kinder heute haben wesentlich bessere Möglichkeiten, als sie es damals zu meiner Zeit hatten.
Gerade deswegen ist die Aufklärung so wichtig und da gibt es noch viel zu tun.
Denn leider sind es immer noch viel zu wenige, die uns wirklich zuhören wollen und mit dem steigenden Bekanntheitsgrad kamen auch viele negative Seiten hoch. Beispielsweise, dass Autismus immer mehr als Modewort benutzt wird, um sich gegenseitig zu beschimpfen etc.

Autismus wächst sich nicht raus.

Man kann höchstens einen Blickwinkel ändern und man kann lernen in einer Welt zurecht zu kommen, die auf Nichtautisten und ihren Sichtweisen ausgelegt ist. Umso besser das Umfeld oder die Rahmenbedingungen, desto eher gelingt es.

Aber dazu brauchen wir euer Verständnis und da das ein wenig hoch gegriffen ist, würde schon Akzeptanz reichen.

Akzeptiert, dass wir unser Leben nicht so führen müssen, wie ihr es kennt und liebt.
Auch, dass wir nicht dahin therapiert werden müssen. Es sollte in einer Therapie, egal welcher Art, nie darum gehen, Autisten und ihre Art zu leben oder zu sein, ändern zu wollen
Akzeptiert, dass es auch andere Sichtweisen gibt und das man so auch ein glückliches Leben führen kann.
Akzeptiert, dass auch ein Leben, in dem manche vielleicht ein Leben lang Hilfestellung braucht, trotz allem lebenswert ist.
Und auch wenn es jetzt absolut utopisch ist…der Traum schlechthin…vielleicht akzeptiert ihr es irgendwann so sehr, dass viele dieser Hilfestellungen gar nicht mehr notwendig wären.

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