Der Schulbeginn nach den großen Ferien ist allein für sich ja schon Grund genug zur Aufregung.
Sei es, weil man vielleicht das Klassenzimmer, oder auch die Lehrerin wechselt. Sei es, dass man nicht genau weiß, ob da noch alles Schüler da sein werden, die man kennt. Vielleicht kommt sogar ein neuer, oder eventuell mehrere. Mitunter kann es unklar sein, selbst beim selben Klassenzimmer, ob die Sitzordnung denn nun beibehalten wird.
Manchmal gibt es neue Mäppchen, oder vielleicht zudem neue Schulranzen, indem man dann, oh Schreck, die Sachen nicht so einsortieren kann, wie man es gewohnt ist.
Es sind derlerlei viele Dinge, die kreiseln können und so auch verständlich, dass die Kinder aufgeregt sind. Viele autistische insbesondere, da ihnen gleichbleibende Abläufe und Begebenheiten einen gewisse Sicherheit bedeuten.

Nun gibt es auch die Situation eines Schulwechsels. Sei es, weil man von der Grund- in die Weiterführende wechselt oder wegen Umzug, schlechten oder guten Noten, etc.
Hier kann man sich vielleicht vorstellen, das sich hier wesentlich mehr verändert, als so schon.

So geschehen bei meinem Großen, der zur 7. Klasse in eine Mittelschule am Ort wechselte.
Neuer Schulweg, neue Lehrer, neue Mitschüler und da wir auch gleich Träger und Schulbegleiter wechseln, eben auch die Sicherheitsperson neu.
Am Abend vorher noch sichtlich um Coolheit bemüht, sah man ihm schon deutlich seine Aufregung an.
Was er da noch nicht so richtig mitbekommen hatte, war die Aufregung, das seine Schulbegleitung nicht planmäßig mit ihm in der neuen Schule starten konnte.

„Ich gehe mit und notfalls bleibe ich bei ihm“ sprach ich und entschied schon in den ersten 5 min, das ich heute nicht von seiner Seite weichen sollte. Schon in der Aula, wo wir warten sollten bis uns der Klassenleiter abholt, versteckte er sich peinlichst hinter mir und versuchte sich möglichst unsichtbar zu machen. Ständig am schaukeln und ticen.

„Wo bleibt sie denn, wo bleibt sie denn…“ wiederholte mein Sohn immer wieder, und ich versuchte die Lehrerin neben mir darauf aufmerksam zu machen, dass wir eben nicht zu den Fünftklässlern gehören, die ebenfalls noch in der Aula standen. Als wir uns dann auf dem Weg machten, nach einem kleinen Ausflug ins Sekreteriat, wo wir endlich erfuhren, in welche der 2 siebten Klassen er eigentlich gehen sollte, kam uns letztendlich ein Schüler der Klasse entgegen und sprach meinen Sohn an, ihm zu folgen. Na, das hat ja toll geklappt (Ironie).

In der Klasse erhielt ich den ersten Schock, als ich sie erstmal darüber informieren wollte, dass seine Schulbegleiterin nicht da ist. „Was für eine Schulbegleiterin?“ kam da prompt.
Uff

Soviel zum Informationsfluss in dieser Schule. Es nützt ja nicht viel, wenn die Lehrerin die Akten der Schüler noch nicht gelesen hat und noch weniger, wenn die neue Direktorin nicht darüber unterrichtet wurde, dass da erstmalig ein Kind mit SB kommt. Da verstand ich auch die Aussage des Sekretariats 2 Wochen vor Ferienende, warum entgegen unserer Absprache mit dem damaligen Direktor, ein Vorgespräch mit der Lehrerin etc, nicht nötig sei.
Aber ich gehe schon wieder zu weit voraus.
Wir sind ja noch bei der neuen Lehrerin in der Klasse.

Vielleicht lag es wirklich daran, dass ich mich zunächst missverständlich ausgedrückt hatte. So hatte ich mal wieder viel zu viel geplappert. Mit Sicherheit auch wegen ihrer verdutzen Reaktion darauf, dass mein Sohn nicht einfach „nur“ ein neuer Schüler ist, sondern einer mit „Anhängsel“. Zumindest erzählte ich ihr gleich von meinen Sorgen am Morgen und das ich mich gefragt hatte, ob er es heute auch alleine schaffen könnte oder ob ich bleiben soll, vor allem aber, ob ich darf. Vielleicht hat sie das wirklich als Unsicherheit meinerseits interpretiert, wie sie später behauptete.
Allerdings entschuldigt es nicht diese manipulierenden Suggestivfragen, die ich mittlerweile zu hassen gelernt habe.
„Ach komm, Großer, das hier ist doch schon die 7. Klasse. Das schaffen wir auch ohne Mama.“
Selbst mein nervöses Geplappere über meinem frisch operierten Bandscheibenvorfall, um meine Gedanken zu erklären, da mir bewusst ist, dass für mich langes Sitzen schwer zu ertragen sein wird, nahm sie sofort in ihre Überredungstaktik mit auf. „Immerhin geht es Ihnen ja nicht gut, wir sollte die Mama lieber weiter erholen lassen“
Wie so oft, reagiert er auf solche Suggestivfragen einfach nur mit „ja“
Sie sah nicht, wie er mit großen Augen, zappelnd und den Tränen nahe, völlig überfordert in der Situation dastand und ihr ja nur noch beipflichten konnte. Wie sonst reagiert man auf solche Fragen? Wenn man sie verneint, steht man automatisch als Versager vor der ganzen Klasse da und dazu tut man der Mutter ja nichts Gutes.
Bei allem Verständnis für eine eventuelle missverständliche Auskunft meinerseits (hatte ich mal erwähnt, das ich dazu neige mich um Kopf und Kragen zu reden, wenn ich nervös bin), DAS, nehme ich Ihr übel. Wie sie versucht durch diese Art Frage am Kind zu manipulieren.
Hatten wir das nicht schonmal? Noch bekam ich den Gedanken nicht ganz zu fassen.

Zumindest sah ich aber die Überforderung meines Sohnes sofort und ich hatte ja eigentlich draußen in der Aula schon beschlossen, dass ich da bleibe. So machte ich dies auch deutlich und mein Großer stimmte dann sichtlich erleichtert ein.

Ich durfte zunächst bleiben.
Zumindest bis zur nächsten Pause. Sofort nach dem Läuten sprach sie meinen Sohn wieder an:
„Das hat doch super geklappt. Du kennst mich ja jetzt schon ein bisschen. Den Rest schaffen wir auch ohne Mama. Man sieht doch, dass sie Schmerzen hat.“
An mich gewandt sprach sie weiter: „Sie können ja solange draußen vor der Türe auf und ab laufen und wir rufen rufen sie, wenn etwas sein sollte“
„Nicht wahr Großer? Das schaff mer schon“ fragt sie meinen Sohn, und wieder antwortet er mit einem recht hilflos gehauchten „ja“.

Ich selbst leicht überfordert, ok, ich gebe zu, ich habe oft Schwierigkeiten mich verbal zu behaupten, mache das was ich in solchen Situationen ohne eigene Sicherheitsperson oft mache. Ich laufe wortlos raus und versuche mich erstmal zu sammeln. In der Pause hake ich bei meinem Jungen nochmal genauer nach und erkläre ihm, das ich bleibe, wenn er das möchte. Schmerzen hin oder her. Da braucht er sich keine Gedanken über mich machen und soll auch nicht sein Problem sein. Hier geht es nur darum, was er will und nicht was andere, insbesondere die Lehrerin, möchte.
Klar und deutlich brachte er dann zum Ausdruck, bereits sichtlich mitgenommen, dass ich bleiben soll.
Für mich war das eindeutig genug.

Also zurück mit dem festen Vorsatz dem Wunsch meines Sohnes zu entsprechen, der Lehrerin die Stirn zu bieten, auch entgegen ihrem offensichtlichen Unmut darüber, dass ich in ihrem Klassenzimmer anwesend bin, trat ich auf sie zu und wurde je gestoppt:
„Sie verlassen jetzt bitte das Klassenzimmer. Ich habe mich gerade erkundigt. Wegen der Datenschutzrichtlinien dürfen sie als Mutter nicht hier sein.“ hörte ich sie sagen.
Aber was ich sah war viel erschreckender. Die Schultern meines Sohnes gekrümmt, um sich noch kleiner zu machen. Wildes ticen im Gesicht, aufgerissene Augen und im schnellem Takt am hin und her wippen.
Völlig von der Rolle stand er da und musste sich mit ansehen, wie seine einzige Sicherheitsperson den Raum verlassen musste.

Selber völlig am Ende und nicht mehr Herr der Lage machte ich das einzig vernünftige. Ich schrieb meiner Sicherheitsperson: „Die hat mich rausgeschmissen“.
„Bin gleich da!“ stand ein paar Sekunden später da.
Sogleich fing ich an, dem Jugendamt und dem Träger der Schulbegleitung zu schreiben. „Notfalls nehme ich den Jungen aus der Schule, bis die SB da ist, aber erst versuchen wir noch ein Gespräch mit der Direktorin“.

Nun sind wir an der Stelle, die ich weiter oben vorweg genommen hatte. Der Direktorin tat es leid um den missglückten Start und natürlich werden wir einen Weg finden um Großen zu helfen.
So machten wir uns gemeinsam auf den Weg zur Klasse und trafen per Zufall unterwegs auf die Lehrerin, die mit meinem Sohn unterwegs war, um die Schulbücher zu holen.

„Gibt es ein Problem?“ fragte sie verdutzt, vermutlich über die Tatsache, das wir plötzlich zu zweit mit der Direktorin im Schlepptau auf sie zukamen. Diese sprach dann auf die Situation an, woraufhin die Lehrerin konterte, dass mein Sohn gerade noch gesagt hätte, das es super läuft und alles in Ordnung wäre. Schon wieder beschlich mich ein Gefühl, diesmal etwas deutlicher…wie damals…
Wie mein Sohn dann aufgeregt hinter der Lehrerin, sich immer wieder wiederholend, plapperte, „das habe ich so nicht gesagt“ blieb auch der Direktorin nicht verborgen und so machte sie dann unmissverständlich deutlich, dass ich meinen Sohn begleiten darf.

Außerdem vereinbarten mein Mitbewohner und ich noch am selben Tag nach der Schule einen Termin zum Gespräch mit der Lehrerin.

Und hier ereignete sich das Dejavu, das mir mein schlechtes Gefühl schon die ganze Zeit sagen wollte.
Mit dieser Lehrerin wird es noch viele Gespräche geben und wir dürfen uns jetzt schon auf einen langen beschwerlichen Kampf einstellen.
„Ich habe eine medizinische Ausbildung und weiß über Autismus Bescheid und ich habe die Erfahrung gemacht, dass autistische Kinder ohne Begleitperson mehr aus sich rauskommen und am Klassengeschehen teilnehmen“

Mir sind ja von jeher die am schlimmsten in Erinnerung, die meinen alles zu wissen und gerade diese Sorte Lehrer, die meinen, sich von Eltern und selbst Fachleuten nichts sagen lassen zu müssen und dabei nicht davor zurückscheuen, notfalls am Kind herum zu manipulieren, kenne ich nur zur Genüge.

Denn genau vor so einer Klassenlehrerin bin ich damals nach Bayern geflüchtet. Jetzt nicht nur deswegen, aber es hatte einen großen Anteil daran.
Damals entstand dieser Artikel über Inklusion und Wirklichkeit und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass ich verfolgt werde.
Hart trifft mich die Erkenntnis, dass es solche Lehrer überall geben wird und manchmal ist es einfach nur Glück, wenn man an eine gerät, für die Inklusion nicht nur ein Wort ist.

Aber diesmal habe ich einen Vorteil. Ich habe meine Sicherheitsperson und wie so oft, schaffe ich es dann auch mal mich zu behaupten, und so sitze ich nun ohne weitere Vorkommnisse als Begleiter bei meinem Sohn.
Zum Glück nur zeitlich begrenzt, denn mittlerweile habe ich die Nachricht erhalten, dass die Schulbegleitung am Freitag starten wird.
Nach diesen Tagen bin ich mir ganz sicher. Der Job als Schulbegleiter wäre nichts für mich. Nichtmal, weil ich das Kind nicht gut verstehen würde. Aber das Drumherum und meine eigenen Kommunikationsschwierigkeiten würden es mir unmöglich machen.
Heute geht es mir nicht gut und mit jedem Tag wird es schwerer. Auf die Dauer würde ich vermutlich wegen Überlastung selber ausfallen, und das wäre dem Kind gegenüber alles andere als fair.

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