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Hallo,

ich habe gestern Abend von dieser Aktion erfahren, und seit diesem Zeitpunkt überlege ich, was ich am besten an dich schreiben soll.

Das ich unbedingt schreiben will, war mir sofort klar, denn du erinnerst mich sehr an meinen Sohn und auch ein bisschen an mich.
Irgendwie habe ich allerdings ein Problem damit, dir einfach nur zu schreiben, das alle gut wird und Autist sein einfach toll ist. Positive Einstellung, ja sie ist wichtig, aber nicht nur die.
Vielmehr möchte ich dir ein paar Ratschläge mit auf den Weg geben.

Mein Sohn war in deinem Alter, als er die Diagnose Autismus mit hoher Funktion erhielt.
Zuvor erhielt er eine Reihe anderer Diagnosen, die alle nie ganz passten, aber irgendwie in Teilbereichen zutrafen.
Er hatte bis zu seiner Diagnose schon sehr viel durchmachen müssen. Mobbing, Ausgrenzung, Therapien, die ihn ändern wollten, Training im Kindergarten und in der Schule. Immer nach der Maßgabe, nur das beste für ihn zu wollen ohne dabei das Gesamte je zu betrachten.
Am meisten jedoch litt er an dem Umstand, keine Freunde zu haben, nicht akzeptiert zu sein, dazuzugehören. Dafür bemühte er sich so sehr, das er daran zerbrach.

Ich sah, wie sehr er leidet und ich litt mit. Denn auch ich kannte dieses Gefühl. Auch bei mir fing etwa in dem Alter an, das ich anfing mich selber zu hinterfragen. Ich konnte es damals nicht ganz festmachen. Ich merkte nur, das etwas anders war und gehörig schief lief.
Ähnlich meinem Sohn, war ich sehr bemüht darin irgendwie Anschluss zu finden und klammerte mich manchmal an jeden, der mich mal nicht nur als Sonderling betrachtete. Ich ertrug z.B. auf einmal Berührungen, nur damit man mich mochte, verstand aber nicht, das es nicht jeder mit mir gut meint. Auf diese Weise schlitterte ich öfter in für mich gefährliche und brenzlige Situationen, war auch dem Mobbing ausgesetzt und begriff es damals noch nichtmal als Mobbing. Ich verstand nicht, das sie mich auslachten und sah es eher als Freundlichkeit oder Anteilnahme.
Immer mehr setzte ich mich so dem Spott aus, ohne es selber zu bemerken. Meine Eltern wussten damals nichts davon. Wie hätte ich es ihnen auch erzählen können, ich verstand es ja selber nicht.
Natürlich war nicht alles schlecht und schwierig, aber dennoch war es eine sehr schwere Zeit für mich und sie zog sich über meine gesamte Schulzeit.
Immer wieder machte ich dieselben Fehler, vertraute mich den falschen Leuten an und erkannte einfach nie eine böse Absicht dahinter. Gesichtsausdrücke konnte ich damals kaum deuten. Ein Lachen war für mich einfach ein Lachen. Ein Lächeln ein Lächeln. Heute würde ich vielleicht erkennen, das es sich um ein hämisches oder auch lüsternes Grinsen handeln könnte, zumindest würde ich genauer hinsehen, wenn das Verhalten darauf schließen lässt, aber damals hatte ich noch niemanden, der mir das alles erklären konnte.
Warum sollte auch jemand mir solch offensichtliche Dinge erklären. Sowas sieht man doch.
Mein fragender Blick, der wurde nie gesehen und meine anfänglichen Fragen meist genervt abgewiesen.

All das sah ich auch bei meinem Sohn.

Immer suchte er für sich selber nach dem Grund, warum er solche Schwierigkeiten hatte.
So fragte er mich beim Infogespräch zur weiterführenden Schule, ob die Sprachbehinderung, die von der Direktorin am Pult erläutert wurde, das wäre, was ihn so anders sein lässt.
Es war das Alter, als er anfing zu bemerken, das er anders war als die anderen. Dass es irgendwo an ihm liegen müsse. So ganz sicher war er sich da noch nicht, aber der Verdacht war da.
Ich wollte für ihn die Antwort finden. Die Antwort, die ich selber bis dahin noch nicht gefunden hatte.

Als er dann von seiner Diagnose erfuhr, reagierte er, dir sehr ähnlich, mit Ablehnung. Trotz, dass er doch immer wissen wollte, eine Erklärung für sich haben wollte, konnte er einfach die Tatsache nicht akzeptieren, das es nichts Änderbares sein würde.
Dass er immer diese Schwierigkeiten haben würde. Dass er kaputt und nicht zu reparieren wäre.
Deswegen schreibe ich dir diesen Brief.
Auch wenn ich nicht sagen kann, das alles gut wird und du ein Leben ohne jede Einschränkung haben wirst, so ist es doch dein Leben und es ist ein gutes Leben, insofern du die Chancen erhältst, deine Stärken, und die hast du ganz sicher, den anderen zu zeigen.
Mein Sohn ist einer der loyalsten Menschen, die ich kenne. Er zeigt nicht viel an Gefühl, aber wenn, dann sind sie so deutlich, ehrlich und strahlend, das man es nicht beschreiben kann.
Autist sein hat auch gute Seiten. Aber um die zu sehen, muss du auch die schlechten Seiten kennen. Das ist ähnlich, wie bei den Comics. Ließt du Comics? Mein Sohn liebt die Dinger.
Es gibt immer die Seite der Guten und die Seite der bösen. Sie stehen immer im Verhältnis zueinander. Die Menschen ticken so. Ohne das Böse, würde sie das Gute nicht erkennen und andersherum gebe es Glück nicht, wenn man nicht wüsste, was Unglück bedeutet.
Um deine Stärken als Autist zu sehen, wirst du deine Schwächen akzeptieren müssen und irgendwann wirst du vielleicht auch erkennen, das manch Schwäche auch eine Stärke sein kann.

Das wichtigste dabei ist aber. Nimm dir dafür die Zeit die du brauchst. Entscheide selber dein Tempo und fordere für dich ein, das du um das was unwiederbringlich verloren scheint, trauern darfst. Auf deine Weise.
Mein Sohn hat 2 Jahre dafür gebraucht.

Als ich ein halbes Jahr nach ihm die Diagnose Asperger Syndrom erhielt, erging es mir genauso. Nach erster Euphorie, endlich die Antwort gefunden zu haben, kam die Erkenntnis, das es auch eine Kehrseite gibt.

Ich kann dich daher sehr gut verstehen.

Eins möchte ich dir aber noch mitgeben, wer immer du auch sein magst.
Du hast mir gegenüber einen sehr großen Vorteil.
Du weißt um deine Diagnose und deine Eltern, idealerweise auch dein Umfeld, wissen davon.
So können sie auf deine Fragen anders eingehen, dich begleiten und dir den Weg aufzeigen.
Das ist mehr als ich je hatte und ich wünsche dir auf deinem Weg alles Glück dieser Welt.

Dein Mädel

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