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Warum dieser Artikel?

Gestern entstand eine recht interessante Diskussion zum Thema Freunde und im Zuge dieser Diskussion wurden einerseits allgemeine Fragen zum Thema Freunde haben gestellt, es fielen aber auch Sätze wie: „die Schwierigkeiten habe ich aber auch“.
Desöfteren habe ich schon zum Thema Freunde geschrieben, aber heute will ich den Versuch machen, genauer zu differenzieren.
Ich möchte ein für allemal klarstellen, warum der Satz „das habe ich aber auch“ an der Stelle fehl am Platze ist.

Zunächst die Frage, warum will ich überhaupt Freunde?

So ist es doch nachweislich so, dass mich Sozialkontakte immens anstrengen und ich sie daher eher meide. Gerade an stressigen Tagen brauch ich es allein sein zu können. Diese gewählte Einsamkeit brauche ich dringend, um regenerieren zu können, um Kraft aufzutanken oder vielleicht anschaulicher erklärt, um meinen Löffelvorrat aufzufüllen. 
Ich bin dennoch einer der Autisten, die gerne Freunde hätte.

Weil ich manchmal was zu erzählen hätte, manchmal auch reden möchte. Viele NTs oder NAs suchen sich dabei ebenso meist Freunde über ihre Interessen, vertiefen dann aber die ein oder andere „Bekanntschaft“ in dem sie immer mehr persönliches einfließen lassen.
Da beginnt bei mir beispielsweise schon ein Problem, denn bei mir geht es nur um meine Interessen. Ich lasse selten andere Themen zu, monologisiere auch gern, gerade in meinen Interessengebieten, will aber auch gefordert sein, indem die andere Person da auch mithalten kann. Es wird aber selten so sein, dass man mit mir über andere Themen reden kann oder persönliches. Da mein Interessengebiet ein sehr weites Gebiet umfasst, mag es zunächst auch ganz gut gehen, aber selbst da ist es doch so, dass man sich nicht nur darüber unterhalten möchte. Zumindest wurde mir das häufig so vorgeworfen, dass ich mich doch mal auch für die Themen der anderen interessieren sollte.
Oft ist es auch so, dass ich mich, wenn ein bestimmtes Thema, das mich eine Zeitlang mit jemandem verbunden hat, ausgeschöpft ist, einfach nicht mehr melde. Wozu auch, es ergibt sich gerade dazu nichts neues und wir haben ja alles ausdiskutiert.
Gerade wenn die Zeit des Austausches sehr intensiv war, ergibt es sich, dass die Person mich auch als Freundin ansieht und es auch so verbalisiert.
Wenn ich mich dann eine Zeitlang nicht mehr melde und das kann je nachdem auch mal über Zeiträume von Monaten oder Jahren sein und es tauchen doch neue Aspekte auf oder eventuell ein Thema, dass man an das Alte anknüpfen kann, dann melde ich mich wieder.
Dabei knüpfe ich meist genau an der Stelle nahtlos an, an der wir aufgehört hatten und bin dann meist völlig verdattert, weil die Person dann ziemlich sauer auf mich ist.
Lange habe ich nicht verstanden, warum das so ist. Denn für mich ändert sich der Umstand „Wir sind Freunde“ erst dann, wenn die Person auch gegenteiliges zu mir sagt. Das ich mich nicht melde, liegt ja nicht daran, dass ich nicht mit dieser Person „befreundet“ sein will. Eben nur daran, das es momentan von meiner Seite aus nichts zu besprechen gibt.
„Hast du schonmal daran gedacht, das auch ich dir was zu erzählen hätte oder dir was berichten mag? Auch ich mal jemanden zum analysieren brauche, jemanden zum reden?“ hm…ja, aber warum meldest du dich dann nicht einfach?
Spätestens an dieser Stelle kommen mir meine Interessengebiete in die Quere. „Weil es dich nie interessiert hat“ war ihre Antwort und wart nie wieder gesehen.

Weil ich auch mal eine zweite Sicht brauche oder einen Rat…vielleicht noch Varianten die ich nicht bedacht habe
Weil ich den Dialog manchmal brauch, um mir selber bei manchen Dingen klarer zu werden.
Gerade dieses analysieren liegt mir. Ich analysiere eh den ganzen Tag immerzu und sämtliche Situationen, aber gerade bei mir selber fällt es mir mitunter sehr schwer. Mir fehlen dann oft Sichtweisen. Hauptsächlich dann, wenn ich die Reaktionen anderer nicht einzuordnen weiß oder wenn es zu viele Variablen z.B. für eine Entscheidung gibt.

Zugegeben, allgemein gesehen fallen mir Entscheidungen meist sehr schwer und unter Umständen kann es ein jahrelanges abwägen von Für und Wider sein. Wenn man bedenkt, das im Laufe einer solchen Zeitspanne auch ständig neue Umstände hinzukommen, kann man sich die Schwierigkeiten, die ich damit habe, vielleicht annähernd vorstellen.
Da hilft es manchmal, jemanden bei dieser Entscheidungsfindung mit dazu zu nehmen. Nicht, weil ich keine eigene Meinung hätte, aber mir fällt es so leichter. Vor allem in schriftlicher Form. Verbal geht es dann doch oft wieder unter.

Weil ich auch mal zumindest für die Kinder was unternehmen möchte und ich genau weiß, das bekomme ich allein nicht hin und weil es mir so immens schwer fällt Kontakte zu knüpfen und die Leidtragenden immer meine Kinder sind.
Meist habe ich in solchen Momenten niemanden.

Auch wenn mich solche Momente stressen und nicht allzuhäufig von mir gewollt sind, wünsche ich mir manchmal jemanden, der mich begleiten kann.
Sei es zum Arzt, sei es zu Terminen beim Amt oder einfach nur zum Einkaufen. Vorzugsweise jemanden, der sich meinem Tagesrythmus anpassen kann und am besten jemanden, den ich nicht um Hilfe bitten müsste, denn das fällt mir wahnsinnig schwer.

Freunde finden

ist für mich dabei mit die schwerste Hürde.
Da mag es sein, das NT auch Probleme haben, stressige Tage, wo sie lieber ihre Ruhe haben würden oder sich lieber nur über ihre Interessen austauschen.

Ich glaube es ihnen, wenn sie erzählen, wie schwierig es sein kann, jemanden zu finden, der mit ihnen ihre Interessen und ihre Vorlieben teilt.
Selbst für manchen NT dürfte es schwer sein, unter all den Bekannten die eine Freundin oder den einen Freund zu finden oder auch mehrere, mit denen man sich über alles unterhalten kann.
Aber sie hätten die Wahl.

Sie haben nicht annähernd die Schwierigkeiten, ein Gespräch zu beginnen, gewisse Floskeln einzuhalten, oder sie gar zu verstehen.
Sie könnten auch einfach irgendwo hingehen, um Leute kennenzulernen. Einfach jemanden ansprechen der beispielweise mit am Tisch sitzt und sich über Belangloses unterhalten.
Das kann ich alles nicht.
Ich kann keinen Smalltalk und die meisten Unternehmungen sind zu laut oder zu anstrengend für mich.

Bei mir geht es nicht einfach „nur“ um ein Problem damit, Menschen mit meinem Interesse finden oder einen, der gewisse Vorlieben mit mir teilt.
Es geht auch nicht um das allein sein an sich. Denn ich bezweifle, das beispielsweise ein Kaffeebesuch einen NT ansatzweise so aus der Bahn werfen kann wie mich.
Hier geht um das Grundlegendste, die Voraussetzungen um „überhaupt“ Freunde zu finden.
Es geht darum, das mir „sämtliches“ Werkzeug fehlt. Da bringen mir noch nichtmal gemeinsame Interessen was.

Es geht darum, dass ich „grundsätzlich“ nicht dazu in der Lage bin, außer ich finde jemanden der mich wirklich so nehmen kann wie ich bin, OHNE wenn und aber. Nur so könnte ich Freundschaften vielleicht auch dauerhaft halten.
Es ist nicht so, dass ich nicht will oder einfach zu müde dafür bin. Ich KANN es nicht.
Ich würde nichtmal Alltägliches schaffen, wenn ich diese Pausen nicht einlegen würde.

Ja, es gibt auch Einzelgänger unter den NTs, auch welche die schüchtern sind oder einfach kaum die Zeit haben, Freunde zu suchen.
Sie könnten aber, wenn sie wollten. Sie wüssten grundsätzlich wie man auf andere Menschen zugeht und Freundschaften schließt.
In der ein oder anderen Weise ist es bei ihnen immer eine bewusste Entscheidung.
Selbst wenn es jemand lange nicht mehr gemacht hat und sich unsicher ist, so helfen doch Umgangsformen und nonverbales Verstehen.

Und genau da kommt es her, denke ich

Da ist dann wieder dieses AUCH in unserer Diskussion und diese Erwartung, keinen Ahnung, als ob man annehmen würde, dass es irgendwann doch möglich sein wird.
Das ich es lernen kann eine „gute Freundin“ zu sein. Wie immer auch andere Freundschaft definieren.
Das ich es einfach „nur“ entscheiden müsste.
Selten kann jemand wirklich einfach nur akzeptieren.

Freunde, das geht bei mir alles nur mit sehr viel Toleranz und das wichtigste dabei Akzeptanz, da ich nunmal nicht sehr einfach bin. Ich bin nunmal nicht 0815 und in vielen Dingen anders in meiner Reaktion und in meinem Verhalten.

Ich für meinen Teil habe im Internet meine Nische gefunden, mit der ich ganz gut leben kann. Das Internet bietet mir Gruppen, die ich aufsuchen kann und die meine Interessen teilen.
Wenn es mir zuviel wird, kann ich es einfach ausschalten und später am Gespräch wieder anknüpfen, wenn mir danach ist.
Gerade weil mir schriftliche Konversation wesentlich leichter fällt als verbale, das Drumherum nicht so anstrengend ist und ich jederzeit einen Rückzug antreten kann, ohne das es gleich negativ auffällt.
Aber das Internet bietet auch wesentliche Nachteile.
Ich weiß nie so recht, ob man da wirklich von Freundschaften sprechen kann. Immerhin sind es eigentlich wildfremde Leute, die einem alles erzählen können und ich muss es ihnen glauben. Auch ein Problem ist, dass gerade die Anonymität des Internets, selbst wenn man mit Klarnamen auftritt, gewisse Verhaltensweisen begünstigt. Man sitzt sich eben nicht direkt gegenüber und man muss bei einer öffentlichen Beleidigung eben auch nicht mit handgreiflichen Auseinandersetzungen rechnen. Das macht für viele einen Rundumschlag leichter.
Auch das Internet unterliegt gesellschaftlichen Normen, irgendwo und jeder, wie im wirklichen Leben, definiert Normen für sich anders.
Gerade weil gesellschaftliche Normen auch Umgebungsbedingt sind, prallen da manchmal Welten aufeinander. Und auch im Internet entwickeln sich gewisse Gruppendynamiken und es entstehen sehr häufig Streitereien. Da kommt es schonmal vor, dass sich eine Gruppe plötzlich geschlossen gegen einen stellt.

Ich bin mit der Zeit auch da sehr vorsichtig geworden.
Dennoch habe ich einige kennengelernt, die ich so nie getroffen hätte.
Ich glaube ihnen auch, dass sie wirklich meine Freunde sein wollen.

Bis ich aber glaube das es so ist, ist es noch ein langer Weg. Und dann ist es eben erstmal nur virtuell.

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