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„Lass uns einen Kaffee holen“…
Die Pause ist vorbei und routinemäßig gehe ich danach einen frischen Kaffee holen. Manchmal muss ich dann einen neuen machen, manchmal gibt es noch einen oder es ist schon einer aufgesetzt. Aber das ist ok.
Ich könnte auch vor der Pause Kaffee holen, aber dann wäre er kalt, wenn ich aus der Pause zurückkomme. Während der Pause ist der Raum meist voller Menschen.
Es ist ein kleiner Raum. Dort steht eine kleine Teeküche mit einem kleinen Tisch daneben, auf dem es dann wahlweise heisses Wasser oder Kaffee gibt. Viel Platz ist da nicht. Normal auch völlig ausreichend und bei Menschen, die keinerlei Berührungsschwierigkeiten haben auch kein Problem, sich da mal fragender und schiebender Weise durchzuwurschteln.
„Ja, ich komme“ sage ich meiner Sitznachbarin, die manches mal mitkommt, um einen Kaffee zu holen.
An diesem Tag war ich froh, das sie da war.
Scharf ziehe ich den Atem ein und halte die Luft an. Raus hier, denke ich im ersten Moment. Der erste Reflex, den ich mit aller Macht, die ich habe, unterdrücke.
Die wissen nichts von meinem Autismus. Ich errege schon jetzt zuviel Aufmerksamkeit. Ich registriere, das ich angestarrt werde.
„Weiterlaufen“ befehle ich mir selber und mache einen schnellen Schritt seitwärts, halb hinter die Tür. So eingeklemmt zwischen Tür und kleinem Tisch, kann mir so schnell keiner zu nahe kommen.
„Was machen die alle hier“, frage ich mich noch immer fassungslos „die Pause ist doch um. Während ich noch am überlegen bin, hat meine Sitznachbarin schon angefangen, neuen Kaffee zu machen. Normalerweise macht sie das auch immer und ich hole dann das Wasser.
Nach einem kurzen Blick auf die Situation im Raum bedeute ich der Sitznachbarin, das ich weiter das Pulver reinmache und sie Wasser holen soll.
Da sie schon begonnen hatte, eigentlich schon fast fertig war, wundert es mich im Nachhinein, das sie nicht protestiert hat. Ein kurzer Blick zur Seite und sie schnappt sich ohne weitere Erklärung die Kanne um Wasser zu holen.
Ich trippel immer mehr hin und her. Ein paar starren mich immer noch an. Warum starren sie so? Bin ich zu auffällig?
Schnell beenden wir das Aufsetzen des Kaffees und ich flüchte beinahe aus dem Raum. „Ich kann ja später wiederkommen, wenn der Kaffee durchgelaufen ist“ sage ich.
Vor allem aber dann, wenn bei den anderen auch angekommen ist, das die Pause rum ist.

Und das ist nur einer der vielen Situationen, die mich sichtlich an meine Grenzen bringen.
Ich bin seit Ende Januar auf einer Schulung und von Tag zu Tag wird es schwerer.
Der einzige Gedanke der mich aufrecht hält, es ist bald vorbei. Noch bis Ende April.
Aufgeben kommt für mich nicht in Frage. Zum einem, weil ich noch nie aufgegeben habe, also nie ganz. Höchstens situationsbedingt, indem ich mich eine Weile auf dem Klo versteckt habe.
Dennoch.

Ich bin müde, so müde. Und doch mache ich immer weiter. Passe mich an, versuche nicht all zu sehr aufzufallen.
Es ist sehr anstrengend. Ich weiss, das ich es schon öfter geschafft habe. Ich habe einen Schulabschluss, eine abgeschlossene Berufsausbildung. Lernen ist mir ein Begriff, die Situation Schule nicht ganz unbekannt.
Was ich allerdings nie hatte, war nebenher für so viele Dinge verantwortlich sein. Ich hatte immer danach meine Zeit allein. Die Wochenenden, Nachmittage, Abende. Zeit, mich zu regenerieren. Dank meiner schnellen Aufassungsgabe konnte ich genug Zeit für mich allein verwenden, obwohl ich lernen musste.
Auch wenn es immer schon anstrengend war. Diese lauten Klassenzimmer, die vielen Eindrücke und die ganzen Gerüche (man könnte manchmal echt meinen, manche sind in ihre Parfümflaschen reingefallen).
Ich konnte es kompensieren. Und auch jetzt kann ich es noch soweit kompensieren, das ich in der Schulung kaum auffalle.
Aber ich bin so müde. Habe täglich Kopfschmerzen und an manchen Tagen fällt mir das Konzentrieren derart schwer, das an lernen nicht zu denken ist.
So langsam verstehe ich so manches autistische Kind, das nachmittags am Tisch sitzt und alles macht, nur keine Hausaufgaben.
Wo sich das Arbeitsblatt über Stunden hinziehen, das Malbild zu Salven von Unmutsäußerungen führen kann. Ausraster an der Tagesordnung sind und eigentlich „wirklich jedes“ Geräusch viel zu viel ist.
Mir geht es nicht viel anders. Und auch ich muss da durch. Genau wie die Kinder.
Allerdings mit der zusätzlichen Schwierigkeit, das ich nebenher noch die Kinder versorgen, deren Hausaufgaben beaufsichtigen und die Kinder im Schach halten muss.

Dennoch prügel ich nebenher sinnbildlich gesehen den Stoff in mich rein. Manchmal derart ohne Rücksicht auf meine Verfassung, das Mitbewohner mich ab und an schon postwendend ins Bett geschickt hat, als er heimkam. Wohl, weil ich kaum noch ansprechbar war. Danach ging es meist wieder besser.
Manches Mal wäre es besser, ein wenig lockerer zu lassen. Sich mal ein wenig Pause zu gönnen. Aber das würde für mich bedeuten, die Prüfungen eben nicht perfekt zu schreiben (ich gebe es ja zu *schäm*)
Ich will ja auch was lernen und außerdem, wie sollte ich einen Abbruch auch erklären?
Mir bleibt kaum eine Wahl.

Leid tun mir die Menschen um mich herum.
Die in meinem Sicherheitsbereich.
Denn, war ich vorher schon schwierig, so bin ich jetzt am Limit dessen, was ich leisten kann, teilweise unmöglich.
Oft völlig neben der Spur und nicht immer gerecht.
Nur noch ein paar Wochen.
Hoffe ich doch!

P.S: seht es mir derzeit bitte nach, wenn ich nicht soviel schreiben kann. Ich lerne wirklich fast jede freie Minute.

P.S.2: Ich sollte den Kindern eine Pause nach der Schule einbauen, in der sie nicht lesen und nicht Tablet spielen. Einfach nichts tun oder draussen rumrennen…

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