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Wenn einer Mist baut, dann sind es alle

Ein Umstand, den ich überhaupt nicht verstehen kann. Warum soll ich für einen Fehler oder eine Aussage eines anderen verantwortlich sein.
Warum sind es dann immer alle.

Was soll das mit diesen Verallgemeinerungen?

Wenn ein Autist Mist baut, dann bauen alle Autisten Mist und wenn ein Admin eine persönliche Meinung abgibt, dann muss das der Grundtenor der Admins, nein, der ganzen Gruppe oder um ein wenig die Verallgemeinerung herauszunehmen, dann müssen das alle Autisten dieser Gruppe sein.

„Sowas bescheuertes kann nur NT einfallen“ ist keine nette Aussage, das stimmt.
Sicher nicht persönlich gemeint, aber eben die Meinung einer Person. Vielleicht auch unbedacht, denn manchmal sagen Menschen etwas ohne sich den Konsequenzen bewusst zu sein. Oder es war eher als Witz gedacht.
Manches mal mag vielleicht in manchen Aussagen auch eine gewisse Bitterkeit stecken. Aber ist das zu verdenken, bei dem was manche von uns alles schon erlebt haben?
Vielleicht auch einfach ein Resultat aus den vielen Artikeln, die manch Autist über sich ergehen lassen muss. Die nur so strotzen vor Beleidigungen oder Unwahrheiten.
Vielleicht auch einfach der Grundtenor dazu, das wir viel zu oft Dinge lesen müssen, warum wir doch nicht so sein sollten, wie wir sind.
Oder wie in diesem einem Fall, einfach nur eine Meinungsäußerung zu einer Methode.
Gut, es ist nicht richtig, es dann zu verallgemeinern, indem man sagt, das „sowas bescheuertes“ nur von NTs kommen kann.

Da mag es richtig sein, sich über diese Aussage „als NT“ aufzuregen. Was kann aber der Rest dafür?
Ich kann mich doch nicht für die Aussage eines anderen entschuldigen und schon gar nicht eine solche Aussage rechtfertigen.
Genauso kann es aber auch nicht sein, mich als Admin anzugreifen, da wird es unfair. Und das macht der Umstand nicht besser, das man dann ein solches Verhalten allen Autisten unterstellt und das man als NT da sowieso keine Entschuldigung erwarten darf.
Wer sagt denn sowas?

Dann kommen wir noch zur zweiten Kernaussage „Jetzt werde ich schon dafür kritisiert, das ich mir hier einen besseren Umgang miteinander wünsche“…
Ganz nebenbei wurde das nicht kritisiert, sondern die Verallgemeinerung, aber mir geht es hier um das Grundproblem.

Die Kommunikation zwischen NTs und Autisten

Oder vielmehr so manch Erwartungen von NTs an die erwachsenen Autisten ohne dabei auch nur ansatzweise in Erwägung zu ziehen, das wir erstens auch nur Menschen sind und zweitens eben Autisten.

Menschen, die vielleicht schon einiges durchgemacht haben. Menschen mit eigenen Erfahrungen und nicht immer positiven.
Menschen, die auch autistisch sind, und ich formuliere es bewusst genau so, denn wir sind wie ihr auch Menschen.

Menschen, die ein Kommunikationsproblem haben. Sich anders ausdrücken. Anders wahrnehmen. Probleme mit dem Interpretieren haben.

Es ist immer wieder erhellend zu sehen, wie manch (nicht alle) neurotypische in solche Gruppen reinkommen, mit dem wirklich sehr löblichen Vorsatz, sich Rat bei erwachsenen Autisten zu holen. Dabei aber irgendwie erwarten, das erwachsene Autisten sich nicht so autistisch verhalten, wie ihre Kinder.
In Bezug auf Kommunikation ist es gerade dieser Umstand, das Menschen in eine Gruppe kommen und erwachsene Autisten zu den Kommunikationsproblemen ihrer Kinder fragen aber in deren Antworten dann tatsächlich erwarten, das eben diese Kommunikationsschwierigkeiten nicht mehr da sind. Soviel zu „ich wünsche mir einen besseren Umgang miteinander“ .
Meines Erachtens gilt das für beide Seiten.

So kommuniziere ich beispielsweise sehr häufig nur rein auf der sachlichen Ebene. Trotz aller Sachlichkeit reagiere ich aber auch sehr emotional und das zusammen kann eine Mischung ergeben, die schwer für andere zu verstehen ist.
Kann ich zumindest nur vermuten.
Für mich ist es aber mindestens genauso schwer damit umzugehen. Gerade dann, wenn mich Emotionen überrennen, kann folgendes passieren.
Flucht oder Angriff, dazwischen ist nicht viel. Solange ich noch die Ruhe habe zu erklären, solange bin ich auf der sachlichen Ebene und damit alles andere als persönlich unterwegs.

Es ist für mich sehr schwer die Reaktionen anderer vorauszusehen, vor allem weil sie so ganz anders reagieren, als ich es erwarten würde. Daher gleicht ihre Reaktion für mich oftmals einem Schock, was zu einer Flucht führen kann. Ein Erstarren oder auch mal zu einem direkten Angriff. Emotional werde ich nur, wenn man mich in irgendeiner Weise in die Ecke treibt oder wenn man, so wie an jenem Nachmittag, extrem ungerecht wird.

Fazit: Auf der sachlichen Ebene meinen es die wenigsten Autisten wirklich persönlich. Wenn, dann sind die meisten Aussagen auf die Situation bezogen.

Es ist auch eine Charaktersache. Der eine reagiert eher mit Angriff, vielleicht sogar gepaart mit ADHS sehr impulsiv. Der andere, so eine wie beispielsweise ich eher mit Flucht. Aber auch ich habe dieselbe Reaktion wie ersterer und ich habe Grenzen. In Facebook seht ihr ja meine Reaktionen nicht. Gerade in der oben beschriebenen Situation in der Gruppe habt ihr nicht gesehen, wie ich daheim ausraste, in Tränen ausbreche und brülle, das ich da sofort raus will.
Und wenn ich mich dann entscheide was zu sagen, dann beinhaltete es bei mir eher einem gezielten Angriff ohne Verallgemeinerung. Eher einem Scharfschützen gleich. Bleibe also selbst im Ausrasten eher fair in meiner Wahl der Angriffsperson. Diese Person trifft es dann allerdings sehr hart. Ein anderer macht einen Rundumschlag. Da heisst es dann eben „Ihr NTs“.

Die Sache mit der Interpretation

Autismus steht meist synonym mit der Aussage, man könne nicht Interpretieren.
Doch, laut meinen Beobachtungen machen Autisten das auch, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Eben auf ihre Art. Vielleicht von uns selbst aus meist nicht erkennbar. Aber doch, irgendwo schon.
Jedoch ist es eben nicht intuitiv, sondern erlernt und demnach auch sehr geprägt aus den Erfahrungen und jahrelangen Beobachtungen jedes einzelnen und damit auch höchst individuell einzustufen.

So reagiere ich oft entweder extrem naiv oder auch mal fast paranoid in meinen Interpretationen, weil ich es einfach erwarte, das NT da was zwischen den Zeilen ausgesagt hat. Es ist ja „immer“ so.
Eine gewisse Erwartungshaltung von beiden Seiten, das will ich nicht leugnen.

Am besten erklären kann ich das mit dem 4 Ohren Modell, das ich hier schonmal beschrieben habe.
Gerade diese Frage „wie könnte das gemeint sein“ mit ihren unterschiedlichen Möglichkeiten ist für mich schon der Beginn der Interpretation und ich frage mich das fast immerzu.

Dabei ist folgendes zu bedenken:
Die meisten Autisten bewegen sich fast rein auf der sachlichen bezogenen Ebene. Damit ist nicht die Sachlichkeit an sich gemeint, sondern eben die Ebene der Interpretation.
Genauso kann man dann aber auch nicht sagen, „ein Autist ist immer sachlich oder emotionslos“.
Auch Autisten reagieren mitunter sehr emotionsgeladen.

Ein Beispiel wäre die Aussage „Die Strasse ist frei“ Autist würde das als rein sachliche Aussage verstehen, zumindest solange, solange das erwartete Verhalten dazu noch nicht erlernt ist, es ihm noch nicht erklärt wurde. Es würde stehen bleiben und es zur Kenntnis nehmen.
NTs bewegen sich im Gegenzug fast ausschließlich in den drei anderen Bereichen. So verstehen sie rein sachliche Aussagen immer mit emotionalem Bezug und je nach Interpretation und Intuition, die sie meist aus kleinsten Zeichen und nonverbalen Signalen herausziehen.
Auf das Beispiel bezogen würde ein NT Kind das Zeichen des Erwachsenen, das dem Kind deutet loszugehen, wahrnehmen und blitzschnell die Aussage „Die Strasse ist frei“ als Aufforderung ansehen, sich doch nun in Bewegung zu setzen.

Dabei gelingt NTs das meist so mühelos und ohne darüber nachdenken zu müssen, teilweise wissen sie noch nichtmal genau, wie oder warum sie das machen, zumindest nicht bewusst, da könnte man glatt neidisch werden.
Denn für mich ist das Schwerstarbeit und sehr häufig liege ich mit meiner „Interpretationsentscheidung“ (ich nenne es mal so) gehörig daneben.
Jetzt würden manche NTs sagen, „also ich liege auch oft daneben“.
Das mag richtig sein, aber dieses Problem haben NTs untereinander nicht so massiv. Sie müssen nicht erst ihren Fragenkatalog durchgehen. Sie erkennen die feinen Signale und schwenken blitzschnell um.
Autisten dagegen verbeissen sich regelrecht in ein Thema und wir merken nicht den Zeitpunkt, wo wir hätten einlenken sollen oder wo wir hätten aufhören sollen. Weil z.B.immer noch Nuancen und Teilaspekte eines Themas für uns nicht ausreichend kommuniziert wurde, oder unseres Erachtens noch nicht genug verstanden wurde, das hat die Folge, das wir immer wieder gewisse Teilaspekte durchkauen.

Fazit: Ich würde behaupten, das erwachsene Autisten „gelernt“ haben zu interpretieren, nur entgehen uns dabei die Signale, die uns die richtige Einschätzung erlaubt, z.B. wann ein Thema erschöpft ist, wann die Stimmung umschwenkt etc.

Die Sache mit dem autistischen Verhalten und warum es eigentlich nicht gut ist, sie zu unterdrücken

Z.B. Regelverstöße und Veränderungen.
Sie stressen mich immer noch enorm. Z.B. zu Tisch. Ich habe zwar mit den Jahren gelernt, nicht mehr öffentlich oder auch offensichtlich deswegen auszurasten, aber innerlich wütet es in mir. Innerlich ist es immer noch da, wenn auch unterdrückt.
Bin ich jetzt weniger Autist, nur weil ich gelernt habe solche Ausraster besser zu kontrollieren. Komme ich deswegen mit Veränderungen und Regelverstößen besser zurecht, nur weil ich die Reaktion darauf nicht mehr so oft nach außen zeige? Ich denke nicht. Wobei, so ganz ohne Zeichen ist es ja nicht. Normalerweise merkt man mir in solchen Situationen immer noch eine gewisse Unruhe an.
Vor allem aber, kommt es an schlechten Tagen vor, das ich es nicht unterdrücken kann und dann kommt es vermeintlich unmittelbar. Dann verstehen es die wenigsten, denn sie haben ja nicht mitbekommen, das es mich schon immer gestört hat.
Dann heisst es auf einmal, „du kommst doch inzwischen super mit solchen Dingen zurecht, warum flippst du jetzt aus“.

Das mit dem Unterdrücken birgt nämlich ein zusätzliches Problem des Ganzen. Gerade in solchen Austauschgruppen, aber eben nicht nur da, erwarten die Eltern autistischer Kinder eben nicht die Verhaltensweisen, die sie von ihren Kindern doch so gut kennen, weil wir Erwachsenen sie ja meist unterdrücken. Aber sie sind ja noch da.
Und wenn dann sehr plötzlich doch eine solche Reaktion von uns kommt, dann ist sie nicht erwartet, nicht vorausschaubar.
Dann reagieren die anderen wiederum äußerst verdattert oder fühlen sich massiv angegriffen.

Mitbewohner kennt mich schon sehr lange. Zunächst nur schriftlich, also die Seite von mir die erklären kann und Zustände beschreibt und nun auch eine Weile real, also die Seite, die sich verbal nicht ausdrückt, es aber irgendwo vorlebt.
Heute noch, selbst als Erwachsene, ist für ihn die ein oder andere Reaktion deutlich sichtbar, andere Situationen wiederum nicht. Ein deutliches Stocken vernimmt er bei Veränderungen. Ich denke aber, die sieht er nur, weil er eben auch meine innere Seite kennt.
Jemand, der dieses nicht von mir weiß und nur meine Äußerlichkeiten berücksichtigen würde, kann das vermutlich gar nicht sehen. Jemand der nur meine Innerwelt, also nur meine schriftliche Seite kennt, kann meine äußere Reaktion nicht zuordnen.
Ich denke, das für eine genaue Beurteilung beide Seiten benötigt werden und das macht es schwer, weil ich selten meine Außenwirkung beschreiben kann. Im Gegenzug dazu bin ich real kaum in der Lage meine Innerwelt in dieser Reaktion zu beschreiben.
Wenn gerade dann auch noch Reaktionen meinerseits unterdrückt werden.
Das macht es für beide Seiten schwer.


Wie gehe ich nun mit dir als erwachsener Autist um

In der Regel ist es so, das egal wen man als Behinderten fragt, sei es Autist oder jede beliebig andere Behinderung, immer dieselbe Antwort kommt.

Behandelt uns genauso, wie alle anderen auch.

Vielleicht mit der ein oder anderen Hilfestellung, denn wenn ich z.B. Schwierigkeiten habe Nonverbales oder Dinge zwischen den Zeilen richtig zu deuten, kann ich es im ersten Moment nicht als Fehler einstufen. Oder als verletzend dem anderen gegenüber.
Mein Verhalten macht es dann aber vielleicht nicht richtiger.
Hier wäre die Hilfestellung, mich gegebenenfalls deutlich und klar darauf hinzuweisen, mit logischen Aspekten, sodass ich es nachvollziehen kann. Mir vielleicht in dem Moment noch eine gewisse „emotionale Achterbahn“ zuzugestehen, aber im Grunde gehe ich auf solche Dinge ein..
Denke zumindest darüber nach.

Genau daraus ist ja mein Zitat entstanden

„Autismus ist allenfalls eine Erklärung, keine Entschuldigung“

und das ist auch meine Antwort zu „das man als NT da sowieso keine Entschuldigung erwarten darf“.
Das gleiche gilt aber auch den NTs, gerade wenn sie sich in unseren Kreisen bewegen. NT sein ist auch keine Entschuldigung und vor allem keine Pflichtvorgabe für richtiges Verhalten.
Denn NTs können sich auch mal gehörig daneben benehmen.

Denkt mal darüber nach.

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