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Heute wurde in einer Gruppe die Frage nach Ängsten und Zwängen im Austismusspektrum gefragt und wegen Zeitmangel wollte ich mich dann mittags kurz dran setzten. Dauert ja nicht lange, den Ängste hab ich ja nicht viele. Eigentlich nur die Angst vor dem Telefonieren und Zwänge, nun ich betrachte sie nicht als Zwänge im klassischen Sinne.
Beim Schreiben bemerkte ich schnell, oh krass, das wird eher ein Blog und das selbst die Zeilen in Facebook nicht ausreichen würden und dabei kam ich noch nichtmal über das Thema Ängste hinaus.

Eine Angst von mir habe ich ja schon erwähnt. Die Angst vor dem Telefonieren. Nicht vor dem Telefonieren an sich, denn das kann ich eigentlich (also vom Grundsatz her kann ich ja sprechen und ein stückweit auch agieren nur eben nicht flexibel genug), es ist mehr die Angst davor gar nichts mehr sagen zu können. Ich neige zu Mutismus und das passiert mir beim Telefonieren sehr häufig. Manchmal im Verlaufe des Gesprächs, manchmal von Anfang an (bei Fremden, oder wenn ich nicht weiß, wer am Telefon sein wird, z.B. Firmen). Über die Jahre hat sich diese Angst immer mehr gesteigert (nach etlichen Fehlversuchen) und inzwischen verweigere ich nahezu jedes Telefonat außer, es sind sehr gute Bekannte von mir. Momentan telefoniere ich nur mit 2 Personen. Die eine war meine Ansprechpartnerin bei der Arbeit, und die andere eine langjährige Bekannte, mit der ich etwa alle halbes Jahr telefoniere, wenn überhaupt.
Ausnahmen sind eben nur sehr wichtige Telefonate. Meist geht es mir danach nicht allzu gut und von Schweißausbrüchen bis Übergeben war schon alles dabei.
Mich ärgern in dem Zusammenhang immer diese gut gemeinten Ratschläge, das ich das doch trainieren soll, oder therapieren. Das wäre wichtig (beruflicher Erfolg und so), aber wie soll ich das mutistische wegtrainieren? Es geht ja nicht um das telefonieren an sich.
Es ist eher die Angst vor dem Versagen. Wenn ich nicht telefoniere, dann passiert das eben auch nicht, und Punkt.
Wobei wir beim nächsten Punkt wären.

Die Angst vor dem Versagen im Allgemeinen. Versagen ist zwar ein hartes und negativ besetztes Wort, fasst aber verschiedene Vorkommnisse gut zusammen, ohne die negative Seite zu meinen.
Zum Beispiel habe ich Angst davor, im Hallenbad in einen Overload, Melt- oder Shutdown zu geraten. Bin ich allein, wäre das nicht so schlimm, unangenehm, aber eben nicht gefährlich. Anders verhält es sich, wenn meine Kinder dabei sind. Sie sind Nichtschwimmer und falle ich als Aufsichtsperson aus… ich möchte mir nicht weiter ausmalen was dann passieren könnte. Also vermeide ich Situationen, wo ich „ausfallen“ könnte, eher einer Schutzfunktion gleich. Auch diese Angst hat sich mit den Jahren entwickelt, eben umso mehr an Verantwortung ich für andere mit übernehmen sollte. Das umschließt nicht nur Ausflüge aller Art, sondern eben auch das Einkaufen beispielsweise. Es gibt Umstände, Tage, wo ich das mit dem einkaufen nicht hinbekommen würde. Mit dem einkaufen an sich habe ich ja nicht das Problem, sondern mit der Reizüberflutung und die ist in solchen Läden enorm.
Bin ich allein, wäre die einzige Konsequenz, das ich nichts zu essen da hätte oder ich kaufe auf Vorrat an Tagen ein, an denen es geht. Da ich nicht viel brauche, war das durchaus machbar.
Inzwischen trage ich die Verantwortung für mehrere Personen im Haushalt und nicht einkaufen gehen bedeutet unter Umständen 5 sehr enttäuschte Gesichter im besten Falle und hungrige Schreihälse, wenn es ganz blöd läuft.
Ergo muss ich einkaufen, nur dann bekomme ich nebenher nicht mehr viel hin. Zu sehr stresst mich solch eine Unternehmung und meist ist es ja auch so, das mehrere Personen auch ihre bestimmten Vorlieben haben (manche Autisten können da sehr bestimmt sein) und das gibt es nicht in jedem Laden. Also ist man für einen Einkauf meist gezwungen, mehrere Läden aufzusuchen. Manchmal gibt es das erwünschte im Laden nicht und einmal bekomme ich das noch umgeschwenkt, danach im anderen Laden zu schauen, aber wehe dem, wenn das nochmal passiert.
Eine solche Situation hat mich mal ein Auto gekostet, nachdem ich festgestellt habe, das im Tunnelblick Auto fahren nicht so gut ist.

Seit diesem Unfall habe ich etwas Angst vor längeren Autofahrten allein. Autofahren an sich ist sehr anstrengend für mich, und wenn ich dann auch noch durch z.B. Einkauf vorbelastet bin, dann ist die Angst davor, wieder einen Unfall zu bauen, recht groß. Auch hier wieder eine Versagensangst.
Daher bin ich auch froh, das Mitbewohner derzeit den Einkauf übernimmt. Gerade mit all dem neuen hier, der Schulung und vielen mehr, bedeutet dies für mich eine enorme Entlastung.

Momentan befinde ich mich auf Jobsuche und auch hier begleiten mich erhebliche Ängste. Die Angst davor den Anforderungen nicht zu genügen. Nicht gut genug zu sein. Gerade die Stellenausschreibungen bereiten mir erhebliche Probleme.
Da suchen sie jemanden, der eine kaufmännische Ausbildung hat, sich mit Datev und Lexware auskennt und SAP kann. Ok, SAP kann ich und ich habe mehrere Jahre in einem kaufmännischen Beruf gearbeitet und damit eine gewisse Berufserfahrung. Dennoch ist es keine umfassende Ausbildung und eben auch sehr Betriebsspezifisch. Da meine alte Firma nicht mit Datev und Lexware gearbeitet hat, kenne ich die Programme nicht. Da ich in einer großen Firma gearbeitet habe, kenne ich nicht sämtliche Abläufe, sondern nur Teilbereiche. Eben die, für die ich als Sachbearbeiter zuständig war. Und hier beginnt mein Problem.
Ich traue mir dann diese Jobs nicht zu und bewerbe mich erst gar nicht.
Man kann mir noch so oft sagen, das die gar nicht 100% nach Anforderung suchen, ja aber warum schreiben sie es dann da rein?
Ich höre es zwar, aber verstehen, nein, das tu ich nicht.
Zurzeit befinde ich mich auf einer Schulung des Arbeitsamtes und obwohl ich dort bin „um“ meine Lücken zu schließen, reichen sie meines Erachtens nicht aus. Umso mehr ich lerne, umso mehr erkenne ich, was ich alles noch lernen müsste. Ich kann es eben nicht perfekt und so plagt mich die Angst davor, mich hinzustellen und zu behaupten, ich könnte es.

Und da ist er, mein Perfektionismus, der mir so häufig Probleme im Job, und nicht nur da, bereitet. Auch hier eine immense Angst davor zu versagen. Hier allerdings weniger vor den anderen, als vor mir selber. Kaum einer geht so hart mit mir ins Gericht, wie ich selbst.
Dabei stufe ich mich selbst und mein Können anderen gegenüber so derart niedrig ein, das ich jede schlechte Beurteilung, auch wenn sie nicht gerechtfertigt wäre, akzeptiere.
Aktuelles Beispiel ist mein Arbeitszeugnis. Wäre da nicht mein Mitbewohner, ich hätte es ohne weitere Nachfragen akzeptiert. Ungeachtet dessen, das der Verfasser selber zugegeben hat, davon keine Ahnung zu haben.
Ich habe jetzt mal da genauer nachgefragt und sofort quält mich wieder die Angst davor wiederholt falsch verstanden zu werden. Gerade mit diesem Kollegen ging die Kommunikation oft so derart schief. Ich glaube langsam, speziell auf Kommunikation geschulte Führungskräfte und ich, wir können nicht miteinander.
Zumindest scheinen wir beide partout aneinander vorbei zu reden/schreiben, was schon zu vielen Missverständnissen geführt hat.

Nun sind wir bei dem Thema Missverständnisse angekommen. Einer meiner größten Ängste. Die Angst davor missverstanden zu werden. Die Angst vor Angriffen, in diesem Falle verbaler Art. Angst davor, mich mal wieder nicht wehren zu können, falsch zu reagieren. Nicht erklären zu können.
Die Angst davor, dieses Wirrwarr an Worten, Gedanken, Bildern nicht so rüber bringen zu können, das es unmissverständlich ist. Die Angst davor nicht verstanden zu werden.
Wie gut ich dieses Gefühl kenne. Diese hilflose Wut, die einem das Atmen nimmt. Die einen erstarren lässt. Das Ringen um Worte. Die Angst davor sprachlos zu sein.

All diese Ängste, wenn ich ehrlich bin, sind es noch viel mehr, haben eins gemeinsam. Die Angst davor zu versagen, ohne es negativ zu meinen. Ich meine also nicht mein persönliches Versagen, sondern vielmehr die Angst davor es nicht zu schaffen. Wiederholt vor Situationen zu stehen, die ich nicht bewältigen kann und da fängt das vermeiden an.

Gerade weil ich Kinder habe, gerade weil ich die Verantwortung für sie trage, setzte ich meine Prioritäten immer zu ihren Gunsten. Auf die Art schaffe ich meinen Alltag.
Wenn es nach mir ginge und wirklich nur nach mir, dann gebe es immer einen festen Wochenplan. Eine feste Struktur, die mir ermöglicht mich frei darin zu bewegen. Dann sitzt jeder Handgriff. Selbst das Essen kochen täglich stellt mich vor die Herausforderung, das ich doch erst wieder überlegen muss, was ich koche und ob ich alles dafür da habe. Denn mal kurz in den Laden gehen um fehlendes zu besorgen, ist nicht drin.

Ich will damit nicht sagen, das alles nur Angst ist. Es ist vielmehr die Überflutung, das zuviel an vielen Dingen, die Probleme in der Kommunikation, meine Art Dinge wahrzunehmen und vieles mehr, das mir mit den Jahren und steigender Verantwortung in vielen Dingen eine gewisse Vermeidungshaltung eingehandelt hat. Es ist irgendwo die Summe aus vielen Erfahrungen.
Ein fester Plan gibt mir da die Sicherheit. Die Sicherheit der Planbarkeit.

Vielleicht ist es auch das.

Die Angst davor, die Kontrolle zu verlieren.

Denn vieles in meinem Leben ist kontrolliert und da beginnt zum Teil der Zwang, aber das soll ein anderes Mal ein Thema sein 🙂

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