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Letztens erhielt ich von Gestatgnostiker eine Email mit etlichen Fragen zur Empathie und Gefühlswelt von Autisten.
Vor allem aus dem Hintergrund heraus, das er selber Sozialtherapeut ist und sich momentan zur Diagnostik in einer Tageklinik befindet. Seine Tätigkeit sorgt dort, und auch für ihn selber, für Zweifel an einem möglichen Asperger und er bat mich daher um Rat.

Folgende Antwort (von mir) ist daraus enstanden, die ich mit seiner Erlaubnis hier veröffentlichen darf:

Hallo Gestaltgnostiker (damit must du leben, denn ich habe dich unter dem Namen nun abgespeichert und werde dich meistens nur so ansprechen 😉 )

Hast du in der Gruppe schon angefragt, die ich dir geschickt hatte? Also auf Facebook und wenn ja, unter welchem Namen? Wir haben nämlich unheimlich viele Anfragen.
Dann könnte ich dich freischalten, denn normal machen wir das nur nach PN und da wir ja schon geschrieben haben…. ist eine gewisse Schutzfunktion, da die Gruppe geschlossen ist.

Von Tageskliniken habe ich nicht viel gutes gehört und für Autisten ist das im allgemeinen mehr Stress als es gut tut. Die einzige, die sich meines Wissens mit Autismus auskennt und auch eine Tagesklinik und gleichfalls eine Diagnostik anbietet, ist die Uniklinik in Freiburg, wo auch meine Diagnose gemacht wurde. Autisten sind dort in separaten Räumen und es sind immer die gleichen Ärzte, also kein wechselndes Personal.
Aber im Grunde habe ich da wenig Erfahrung. Ich lese dazu halt sehr viel.

Oft wissen sie zwar einiges über Autismus, aber haben stellenweise noch veraltete Sichtweisen. Nur wenige sind bereit, auch neue Sichtweisen anzunehmen.
Köln hat besipielsweise erst vor 2-3 Jahren zugegeben, das Autisten sehr wohl emphatisch sind.
Nur eben anders, als erwartet. Wobei wir gleich bei Thema wären.

Ja, ich bin emphatisch und ja, ich kann mich einfühlen, insofern ich die Situation kenne, selbst erlebt habe. Also ein Mitempfinden aus eigener Erfahrung und dann oft so intensiv, weil dann auch alle Bilder und Empfindungen wieder hochkommen, sodass ich wieder mitten drin scheine, das es mich überfordert. Das kann schonmal zum weglaufen führen.
Ich vertrete die Theorie, das Autisten nicht zuwenig empfinden, sondern oftmals zuviel.
Was es eben schwer macht, ist unsere Reaktion darauf, da sie so anders ist, als das was andere erwarten würden in solch Situationen.
Dieses Zuviel kann ich aber auch nachempfinden, wenn ich eine Person sehr gut kenne. Auch wenn ich die Situation nicht ganz nachvollziehen kann.
Ich kann es dann schwer ertragen die Person leiden zu sehen. Ich leide dann buchstäblich mit.
Und das ist nicht viel anders als bei NTs, sagt mein Mitbewohner, aber meine Reaktion, meine Signale die ich dann aussende, die sind anders.

Beispielsweise wenn jemand im Sterben liegt. Gerade nach schwerer Krankheit.
Es versteht kaum einer, warum ich mich freue und sogar schon erleichtert bin, wenn es derjenige hinter sich hat. Wenn ich mir vorstelle, welche Schmerzen jemand haben muss, um daran zu sterben, das muss mehr sein, als alles was ich bisher erlebt habe. Schmerzen kenne ich zwar auch, aber ich bin ja nie daran gestorben. Und selbst der war manchmal unerträglich. Wie muss es dann sein, um zu sterben. Wieviel muss man da ertragen und dann soll man auch noch tapfer sein, damit die anderen keinen Schreck bekommen.
So ein Schmarn. Ich sehe es eben aus der Sichtweise des Verstorbenen und nicht aus der Sichtweise eines Hinterbliebenen. Es ist nicht so, das ich die Person nicht vermissen würde, aber ich finde sein Leiden wichtiger, als das „Leiden“ derer, die selber gar nicht das erleiden müssen. Ich kapiere deren Reaktion nicht und verhalte mich auch nicht so.
Und genau das verstehen dann wiederum die Hinterbliebenen nicht.
Somit habe ich mich ja eingefühlt, in den der leidet. Begrüße dessen Ende und das es endlich vorbei ist. Ich verstehe nicht, warum man so nicht reden darf und warum man jemandem im Sterben nicht wünschen darf, in Würde zu gehen. Zum rechten Zeitpunkt loszulassen. Nicht an eine Welt um der anderer Willen festzuhalten und dafür noch mehr Schmerzen in Kauf nehmen zu müssen, nur weil es die anderen so erwarten …
„Kampf bis zum letzten Atemzug“…welchen Sinn macht das?

Verstehst du was ich meine?
Autisten reagieren oftmals anders, als andere und das irritiert.
Das heisst aber nicht, das wir nicht mitfühlen können.

Das andere Problem ist das Nonverbale, oder auch eben die kognitive Empathie, die eben fast nahezu auf nonverbale Signale aufbaut. Da habe ich immense Schwierigkeiten. Ich sehe es einfach nicht und daher macht es den Anschein, das ich nicht mitfühle.
Wenn man mir allerdings sagt, um was es geht und ich dazu noch die Situation kenne, dann fällt es mir nicht schwer, auch da adäquat zu reagieren.
Weiter ist es ein Problem, so wenig Autisten nonverbales lesen können, so wenig senden sie auch aus.
Das wiederum kann bedeuten, das wir mitempfinden, aber man sieht es nicht.
Wenn sich beispielsweise eines meiner Kinder verletzt, dann sehe ich erstmal nach, wo und wie ich es verarzten kann. Viele sind dann irritiert, das ich das Kind dann nicht in den Arm nehme um es zu trösten. Ja, aber was hilft das denn gegen das Bluten?
Ich will doch, das es dem Kind besser geht…und dafür tu ich alles. Das ist nunmal meine Art und Weise, wie ich mit sowas umgehe.

Fazit: Autisten haben sehr wohl Gefühle und können auch emphatisch sein und sie können auch mitfühlen, wenn auch eher aus eigenem Empfinden heraus. Außerdem zeigen wir Reaktionen anders als erwartet.

Ich lese noch die Frage heraus, ob man als Autist so eine feine Antenne haben kann, um in einer Gruppensituation Empfindungen zu erspüren.
Ja, der sogenannte 6 Sinn, den viele Autisten haben. Soviel sie auch Probleme mit Nonverbalen haben und Körpersprache, so sind sie in der Lage, beim betreten eines Raums, die Grundstimmung sofort zu erfassen.
Warum das so ist? Ich vermute auch hier greift meine Theorie.
Autisten nehmen wesentlich mehr Details wahr als andere. Manchmal zuviel, was uns gerade in Einzelsituationen überlastet. Oder auch in Gesamtsituationen, wenn zuviele Reize auf einmal auf uns einströmen. Aber, ist eine Gruppe sehr still, wie in einer Therapiesituation, dann ist es sehr erstaunlich, was man alles wahrnehmen kann. Insofern man die Zeit hat es zu analysieren.
War übrigens sehr lange ein Hobby von mir. Das analysieren und eigentlich mache ich das schon mein ganzes Leben.

Nicht alle Autisten können das und meist ist dies unter Hochbegabten Autisten vertreten, die ihre Hochbegabung fast ausschließlich dazu nutzen, riesen Datenbanken anzulegen über Sozialverhalten anderer. Genau dieses analysieren und reflektieren ist einer meiner größten Talente neben dem Schreiben.
Eine damalige Freundin sagte mal, es ist hochinteressant, sich mit mir über solche Dinge auszutauschen. Ich mache mir über Dinge Gedanken, über die sie nie nachgedacht hat und durch mich lebt sie nun bewusster.

Fazit: Insofern man diese Analysefähigkeit hat und diese für Soziales einsetzt, sind Autisten demnach durchaus in der Lage, soziales zu verstehen und auch anzuwenden. In manchen Bereichen etwas unbeholfen und nicht immer entscheiden wir uns für die richtige Option, da es ja nicht intuitiv geschieht, sondern eine reine Denkleistung ist, aber in der Lage sind wir schon und wir haben den NTler etwas voraus. Wir erleben soziales bewusster. Machen uns mehr Gedanken um Zusammenhänge und so lassen sich auch nach Mustern sicher therapeutische Maßnahmen entwickeln, um andere wieder in richtige Bahnen zu lenken.

Von einem Therapeut wird ja nicht erwartet das er mitheult, sondern das er Lösungswege aufzeigt.
Also ist es durchaus möglich auch als Autist als Therapeut zu arbeiten.
Punkt, so sehe ich das.

Nächste Frage: „Können , manche, Autisten, je nach Ausprägung, Gefühlsausdrücke spontan erwidern? ZB.: Ein lächeln, ein Winken oder ähnliches? “
Insofern ich einen Sinn dahinter sehe, warum nicht. Wenn ich die Person gut genug kenne und die winkt mir zu und ich weiß, das es in dieser Situation ein „Hallo“ bedeutet, da es die Person aus der Ferne immer so macht, ja dann winke ich zurück. Wenn allerdings eine wildfremde Person (z.B.Nachbarin und durch meine Gesichtsblindheit wildfremd für mich) dann schau ich recht verdattert, sagt mein Mitbewohner.
Auch wurde mir in jungen Jahren akribisch beigebracht jedem zurückzulächeln, der mich anlächelt. Allerdings erkenne ich da nicht den Unterschied zwischen einem freudigen, boshaften oder gelangweilten lächeln. Ich gehe da immer von Freundlichkeit aus.

Fazit: Es ist davon abhängig, ob ein Sinn dahinter erkannt wird. Auch vom allgemeinen Stresslevel ist eine Reaktion meinerseits abhängig. Umso höher der allgemeine Stress umso weniger kann ich solch angelernte Verhaltensweisen abrufen.
Winken=Zurückwinken
lächeln=zurücklächeln

wobei mein größtes Problem hierbei eher die Vermeidungshaltung ist, gerade in für mich unplanbaren Situationen.

Ich hoffe, ich konnte dir damit ein wenig helfen

Grüße,
mädel

Hierzu noch ein ein vielleicht interessanter Artikel zur Empathie bei Autisten:
https://innerwelt.wordpress.com/2013/03/10/empathie-sind-autisten-empathisch/

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