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Offener Brief an eine Therapeutin,

Ich schreibe Ihnen deshalb in dieser Form, da ich immer noch die Hoffnung hege, das Sie nicht wirklich wissen was Sie da tun.
Ich möchte es Ihnen daher erklären.

Manche Autisten mögen keinen Körperkontakt. Berührungen können, je nach Ort, Befindlichkeit oder Person Unbehagen bis hin zu Schmerzen auslösen.
Besonders empfindlich dabei sind häufig ganz bestimmte Körperregionen, wie z.B. der Kopf.
Ein Streicheln, Berühren oder in dem Falle sogar ein Festhalten kann sehr schnell zu einem Overload oder falls nicht davon abgelassen wird, auch zu einem Meltdown führen, was übrigens oft als Machtprobe fehlinterpretiert wird.
Einen therapeutischen Nutzen daran kann man nicht erkennen, außer Sie bezwecken damit, den Willen des Kindes zu brechen. Denn nichts anderes ist der Grund, warum ein Autist, oder auch jedes andere Kind irgendwann ruhiger wird unter einer solch festen Umarmung. Es gibt auf.

Von einem genießen kann da nicht die Rede sein. Oder ein erkennen, das Umarmungen doch gar nicht so schlimm sind.
Es lernt so lediglich, das es sich zum einem dem Willen des erwachsenen zu unterwerfen hat, zum anderen, das es jemand gibt, der stärker ist als man selbst und zu guter letzt, das es so richtig ist.

Es dann Desensibilisieren zu nennen, das ist ein schlechter Erklärungsversuch, denn woher haben Sie die Behauptung, das Autisten sich niemals Berühren lassen würden und nie eine Beziehung führen könnten, wenn diese nicht schon früh lernen, sich berühren zu lassen.
Ich bin auch taktil empfindlich und ja, ich scheue heute noch Berührungen.
Manche Berührungen bereiten mir fast körperliche Schmerzen. Starke Berührungen lassen sich leichter ertragen als leichte. Leichte spüre ich oft stundenlang nach. Manchmal hilft da aber ein starkes Gegendrücken.
Man kann es nahezu vergleichen mit einer Strombehandlung oder einem leichten Stromschlag, wenn der Strom durch den Körper fließt. Dabei stetig den Saft aufdreht. Am Anfang noch ganz leicht, ein Ziehen und ein unangenehmes Gefühl, als ob die Haut aufgeregt wäre das sich verstärkt um so länger die Berührung anhält. Wie ein Echo, das sich verstärkt um so öfter es hin und her geworfen wird.

Es ist auch sehr davon abhängig, wer mich berührt. Ich unterscheide da in drei Kategorien.
Fremd, Bekannt, Vertraut.
Bei Fremden ertrage ich keinerlei Berührung jedweder Art. Manchmal reicht da sogar schon das eindringen in meinen Sicherheitsbereich um einen Fluchtreflex auszulösen. Bei Bekannten ist eine flüchtige Berührung oder ein kurzes Umarmen machbar. Nur die Vertrauten lasse ich nahe genug an mich heran und es gibt Momente, wo ich ihre Berührung sogar genießen kann.
Man kann also sicher nicht generell sagen, das berührungsempfindliche Menschen nie eine Beziehung haben könnten, oder sich nie berühren lassen würden.

Sie als Therapeutin verkörpern eine Autoritätsperson und gerade Sie müssten sich dieser Verantwortung bewusst sein.
Das was Sie da angewendet haben, klingt sehr nach Festhaltetherapie, auch wenn sie es Affoltertherapie nennen.
Zum einem ist Hauptbestandteil dieser Therapie, durch gezieltes Führen des Körpers während alltäglicher Geschehnisse, spürbare Informationen dieser Situation besser erfahrbar zu machen. So heisst es auch im Text unter http://www.deutsche-therapeutenauskunft.de/therapeuten/ergotherapie/therapieformen-der-ergotherapie/affolter/ nachzulesen, das ‚Führen‘ heißt: eine andere Person, beispielsweise der Therapeut oder ein Angehöriger, führt mit dem Körper, den Händen des Patienten Handlungen/Tätigkeiten so aus, dass zwischen Patient und Umwelt eine Beziehung hergestellt wird.
Hintergrund dieser Therapieform ist eine Wahrnehmungsstörung im taktilen und kinästhetischen Bereich.

Sie wird laut Text auch bei Autisten empfohlen. Hm.

Zunächst steht da nichts über das Festhalten und schon gar nichts darüber, das über bestimmte Körperregionen gestreichelt werden soll.
Dem Kind damit zum aufräumen anzuhalten, das geht am Ansatz dieser Therapieform vorbei. Dadurch erfährt es nicht seine Umwelt, sondern es soll zu einer Handlung gebracht werden, die es gerade nicht ausführt. Sei es, weil das Kind es gerade nicht möchte oder eben einfach nicht versteht, was von einem verlangt wird. Ganz nebenbei bemerkt handelt es sich hier um einen 2 ½ jährigen Jungen.
Aufräumsituationen sind eh sehr schwer für junge Autisten. Meist sind diese mit solch offenen Aussagen, wie das sie nun aufräumen sollen heillos überfordert. Mit was soll man denn nun anfangen. Der grüne, der rote Klotz? Wohin überhaupt. Sortieren oder nicht. Aufstellen oder hinlegen etc.
Es hilft, wenn man dann auf die einzelnen Schritte eingeht. Z.B. räum die grünen Klötze in diese Kiste. Nach Erledigung kommt die nächste Anweisung, das nun die roten Klötze eingeräumt werden sollen…etc.
So wie Sie das durchgeführt haben, indem Sie das Kind auf ihren Schoß zogen und festhielten, dabei sogar den Kopf streichelten, klingt das eher nach der Festhaltetherapie, denn da geht es weniger darum, durch führen der Person der Umwelt näher zu bringen, als darum, das Autisten solange in einer festen Umarmung gehalten werden sollen, bis sie sich nicht mehr zur Wehr setzen.
Damit kommen wir an den Punkt, was mich gleichermaßen an der Affoltertherpapie, genau wie bei der Festhaltetehrapie stört. Der erzwungene Körperkontakt. Denn selbst wenn nur ein Führen durch einen Angehörigen oder Therapeuten angedacht ist, so ist es doch ein erzwungener Körperkontakt. Zumindest dann, wenn das Kind diese Berührung nicht ertragen kann. Sicher gibt es Tage, wo es besser gehen würde, und ein Führen der Hand beispielsweise ist im Gegenzug zur Ganzkörperumarmung etwas angenehmer, wobei an schlechten Tagen selbst das nicht gehen würde.
Aber wenn ein Kind schon schreit, vor allem nach seiner Mama, sich wehrt und, oder in einen Overload schlittert, dann ist man spätestens da zu weit gegangen.
Sie als Therapeutin tragen da eine gewisse Verantwortung und derer sollten Sie sich bewusst sein.

Kein Kind sollte lernen, ob nun autistisch oder nicht, das es Körperkontakt zulassen muss, nur weil der Erwachsene oder die Autoritätsperson das so will.
Die Folgen, die aus solch „erlerntem“ entstehen können, sind weitreichend und können im schlimmsten Falle einen späteren Missbrauch durch eine andere Person den Weg bereiten.

Ich denke, das Sie es gut gemeint haben und vielleicht wäre es mal an der Zeit, sich mit den Eltern zusammenzusetzen und gemeinsam zu überlegen, wie man ihm wirklich helfen kann.
Vielleicht nehmen Sie auch das Angebot an, sich jederzeit mit Autisten darüber austauschen zu können. Sei es mit mir, anderen Autisten oder auch in speziell dafür geschaffenen Gruppen wie
https://m.facebook.com/groups/fraguns/?fref=nf, die sich zum Ziel gemacht haben, einen Austausch zwischen Fachleuten und Autisten zu ermöglichen.

Mit freundlichen Grüßen,
mädel (Autistin)

weitere Links zu Diversen Blogs, die durch diese Geschichte entstanden sind:

Erdlingskunde
http://erdlingskunde.wordpress.com/2014/10/15/das-wissen-liegt-auf-der-strase-rw/,

Butterblumenland
http://butterblumenland.wordpress.com/2014/10/15/beruhrungen-und-korperkontakt/

Autzeit
http://autzeit.wordpress.com/2014/10/16/ich-halt-dich-fest-bis-du-aufhorst/

Sunnys Space
http://sabrinastolzenberg.wordpress.com/2014/10/16/missbrauch-als-therapie/

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