Ich stehe wie immer auf und fühle mich sofort im falschen Film. Nichts ist so wie sonst. Meine Abläufe empfindlich und in ihren Grundfesten zerstört. Vieles kann ab und an variieren und ich habe gelernt damit zu leben, wenn es auch anstrengend wird. Aber diese grundsätzlichen Abläufe sind immer da. Wegen ihnen stehe ich überhaupt so früh auf.
„Bleiben sie nüchtern“ … oh schreck.
Es geht weniger um das nüchtern sein, als um meine gewohnten Routinen. Gerade die ersten Schritte am Morgen sind entscheidend, wie ich in den Tag komme.
Aufstehen, Kaffeemaschine an und Brot rauslegen. Eine rauchen, Kaffee durchlaufen lassen und den dann trinken…und dann ist alles in Ordnung.
Aber heute ist es anders.

Kennt ihr diese 10 ersten Minuten wenn man aufsteht und man herumtorkelt, planlos und seinen Weg suchend? Gerade wenn man so aus dem Tiefschlaf gerissen wird? Als ob alles irgendwie schleierhaft ist. Man versucht denkender Weise in den Tag zu kommen und es fällt einem anfangs recht schwer.
So ging es mir heute den ganzen Vormittag.
Zunächst musste ich aber die Jungs für die Schule fertig machen. Auch das ist einem genauen System untergeordnet das einen minutengenauem Plan beinhaltet. Normalerweise!
Tatsächlich stand ich heute immer wieder nur da und überlegte was nun zu tun sei. Bei einem Fenster von gerademal 30 min nicht gerade gut.
Zum Glück sind die Abläufe bei den Kindern so gut drin, das es fast von allein lief und so hinkten wir zwar hinterher aber noch innerhalb vom Puffer.
Dennoch hatte ich ständig das Gefühl, das etwas nicht stimmt. Also ging ich immer und immer wieder alles im Gedanken durch, um auch ja nichts wichtiges zu vergessen.
Dann waren sie weg. Rien ne va plus.

Jetzt ging es nur noch darum, die kleen herzurichten und in den Kindi zu bringen. Zur Bank musste ich noch und tanken. An sich kein Problem, denn beides liegt in etwa auf dem Rückweg. Zu guter letzt sollte ich noch duschen. Das wurde so verlangt für die OP. Aus hygienetechnischen Gründen.
Nun denn, ans Werk. Es war schwierig und oft musste ich mich zwischendurch hinlegen. Mein Kreislauf machte nicht wirklich mit, aber ich habe es geschafft, wenn auch etwas spät. Weiterhin ging ich immer wieder alles in Gedanken durch, aber wir saßen trotz allem rechtzeitig im Auto, um zum Kindergarten zu fahren.
Das gestaltete sich jedoch schwierig in diesem Zustand.
Ganz nach Gewohnheit brachte ich meine Tochter zum Kindi und fuhr dann wieder nach Hause. Dort angekommen kam mir in den Sinn, das ich doch noch zur Bank wollte. Also wieder retour. Ich brauchte drei Anläufe, bis ich es endlich schaffte, das Geld für die Narkose abzuheben.
Wieder daheim fiel mir die Tankstelle wieder ein. Also nochmal los und tanken. Die ganze Zeit über stand ich fast neben mir und nicht nur einmal kam es vor, das ich mich plötzlich beim fahren dabei ertappte, den gewohnten Weg einzuschlagen. Ich kann mich teilweise nichtmal daran erinnern, wie ich denn nun auf einmal auf diese Strasse kam, so wollte ich doch ganz woanders hin.

Zu guter letzt fuhr ich wieder nach Hause. Allerdings hatte ich vergessen, den Hausschlüssel im Kindergarten zu deponieren, damit die Betreuerin mit meiner Tochter rein kann, während ich im OP bin.
Mit Blick auf die Uhr entschied ich mich zunächst zu duschen. Immerhin wusste ich noch nicht, wann ich dran bin. Ich wartete auf den Startschuss sozusagen.
Erst dann wollte ich nochmal losfahren, um den Schlüssel zu deponieren. Aber genau das bekam ich dann nicht mehr hin. Zum einem hing ich rein gedanklich in der Schleife fest, das ich doch hier bleiben müsste, da es jetzt jederzeit losgehen könnte, zum anderen brach nun mein Kreislauf endgültig zusammen. Mir war schwindlig und ich war unendlich müde. Völlig erschöpft.
Ich lag nicht lange, als es schon an der Tür klingelte und meine Betreuerin mich zur OP fahren wollte. Das hatte ich nun gar nicht auf dem Schirm. Sie hatte mir doch erst eine Email von ihrem Büro aus geschrieben und jetzt stand sie schon an der Tür. Ich bekam diesen Sprung nicht hin und es fühlte sich irgendwie nicht richtig an. Als hätte man einen Knick in der Optik.
Gerade noch so unterrichtete ich sie darüber, das ich den Schlüssel für ihre Kollegin noch nicht deponiert hätte. Sie fand dann eine wesentlich schneller Lösung, als den Kindi und das tat wohl auch Not, denn wir sollten in einer halben Stunde in der Praxis sein und die Zeit war knapp.

Dort angekommen stand ich irgendwie völlig neben mir und war mehr oder minder unfähig zu sprechen. Alles war bleiern und das reden fiel mir unendlich schwer.
Ich musste mich schon sehr konzentrieren nicht zu lallen und mehr als ein paar Stichworte bekam ich nicht raus. Während wir warteten, driftete ich immer wieder weg. Ich denke, das lag an meinem Kreislauf. Allerdings war mein Blutdruck recht gut. Hm. Die Frage stellt sich, ob es wirklich der Kreislauf war.
Genauso schwierig gestaltete sich das Gespräch mit dem Anästhesisten und zum Glück hatte ich am Vortag für die Krankenkasse eine Begründung geschrieben, warum ich die Vollnarkose für sinnvoll erachte, denn dieser schien davon nicht wirklich überzeugt und wollte den Eingriff lieber doch nur unter lokaler Betäubung durchführen.
„Wir haben hier oft Autisten, und die können nichtmal reden und selbst da ginge das oft ohne“ äh…ja
Wenn ich besser drauf gewesen wäre, dann hätte ich ihm wohl meine Meinung dazu gesagt. Ausschweifend!
So aber legten wir ihm nur den Text vor und dann sollte es dann doch wie geplant mit Vollnarkose losgehen.
Erfreulich war, das meine Betreuerin mit rein durfte, bis ich schlafe. War auch ganz gut so und ein Foppas ist mir im Nachhinein dann doch passiert. Zumindest schien der Arzt sichtlich irritiert, als ich auf die Aussage, ich solle „das da“ auch noch ablegen, mein Oberteil auszog und dann nur im BH dastand „Das ist ja an einem Stück“ sagte der Arzt und bedeutete mir dann, das Oberteil doch wieder anzuziehen.
Dann sollte es losgehen.
Wie üblich hatte der Anästhesist Schwierigkeiten damit, eine Vene zu finden und eine Arzthelferin meinte es wohl gut: „geht es ihnen gut“ tätschelte die Arzthelferin.
Ich bekam noch mit, wie meine Betreuerin eingriff und ihr bestes gab und mir unnötige Berührungen zu ersparen.
Dann war Stille um mich herum.
Ich habe die OP gut überstanden und es ging auch recht schnell.
Ganz meinem Naturell entsprechend, war ich sofort nach dem Erwachen voll da und ansprechbar. Mir ging es erstaunlich gut.
Ich weiß auch nicht warum das bei mir so ist, aber ich habe schon öfters gelesen, das Autisten nach Narkosen sehr schnell wieder auf den Beinen sind.
Inzwischen ist es abends. Ich habe heute Nachmittag ein wenig schlafen können.
Mein Sohn kam heute mit einem schmerzenden Fuß nach Hause und heute Abend war der Knöchel geschwollen und er konnte kaum noch auftreten.
Es sieht wohl so aus, das er morgen nicht zur Schule gehen wird, aber zumindest habe ich morgen meinen grundsätzlichen Ablauf wieder.
Ich kann aber noch nicht abschätzen, ob und wann wir mit ihm zum Arzt gehen werden. Eigentlich darf ich morgen vormittag noch nicht Auto fahren.
Und so harre ich der Dinge und versuche zu planen, was nicht zu planen ist, da mir mal wieder grundlegende Infos fehlen.

Bis die Tage.

PS: Entschuldigt, wenn das heute etwas wirr rüberkommt, aber besser bekomme ich das momentan nun wirklich nicht hin.
Im Grunde will ich nur sagen: „Ich habe die OP überstanden und mir geht es gut“ 😉

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