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Es flackert immer noch, die Neonröhre an der Wand. Genau da, wo ich immer hinsehen soll, wenn er mir eins seiner Röntgenbilder zeigen will. Ich verstehe nicht, wie man das nicht sehen kann. Das tut weh, pulsiert im Kopf in derselben Frequenz wie das Licht.

Meine Betreuerin ist diesmal mit dabei. Wir besprechen vorab ein paar Dinge. Ob ich ihr sagen soll, das Zeichen in einer akuten Situation nichts mehr bringen? Vor allem, wenn sie noch nicht gefestigt sind? Ich zögere zu lange, vorbei der Moment.

„Bei ihnen dauert es immer länger, bis die Spritze wirkt“, erklärt der Doc nochmal mir und der Betreuerin“ (…am Ende muss er doch nachspritzen)“ dann bin ich allein.
Meine Betreuerin muss auf meine Tochter aufpassen und der Arzt ist zum nächsten Patienten gegangen. Allein mit meinen Gedanken und mit diesem flackernden Licht.
Ob die böse werden, wenn ich einfach das Licht ausschalte?

Ich bin durcheinander. Ich hatte zwar geahnt, was es ist. Aber ich habe damit gerechnet, das er sich an den Plan hält.
Zumindest sagte er mal, das er dies immer so macht. Erst die Wurzelbehandlung, dann mal sehen, ob die Entzündung zurückgeht und erst dann sehen wir weiter. Genau darauf hatte ich mich eingestellt.
Aber diesmal hält er sich nicht daran. Heute gehen wir ohne Umwege direkt über Los und steuern Punkt 2 an.

Die Wurzelresektion

Ich kann Zahnarzt nicht ausstehen. Es hat nichts mit dem Zahnarzt persönlich zu tun. Naja, vielleicht doch ein kleines bisschen. Er hat sich wohl angewöhnt Patienten zu tätscheln, wenn sie Angst haben. Äh, damit macht er es aber nur schlimmer.
Ich hab ja nicht vor ihm oder seiner Behandlung Angst.

So ein Zahnarztbesuch katapultiert mich innerhalb von Minuten ins Aus.
Overload vom Feinsten und weglaufen ist da nicht so einfach.

Um dem Titel des Textes einen Sinn zu geben. Es ist weniger die Angst vor den Schmerzen oder dem Bohren an sich, wie man es allgemeinhin bei Angstpatienten im zahnärztlichen Bereich vermuten würde.

Ich mag das Licht nicht, die Neonröhren. Das Geräusch beim Bohren fährt mir direkt per Schauer durch den ganzen Körper.
Der Absauger, es reicht schon zu wissen, das er im Anmarsch ist. Es gibt nichts Unangenehmeres. Ich habe zumindest noch nichts gefunden, das genauso ist. Dieses Gefühl dabei, ein Kälteschauer nach dem nächsten. Ähnlich einer Gänsehaut, nur im Dauerzustand. Das Geräusch dabei geht einem durch Mark und Bein.
Gerade bei Arbeiten an der Wurzel weiß ich, das der Bereich absolut trocken gehalten werden muss. Dann kommen sie nicht nur mit dem kleinen Absauger, sondern auch mit dem Großen.
Wenn andere vor der Behandlung an sich zurückschrecken, erscheint sie mir als unbedeutend und gar nicht so schlimm.
Vor dem Absauggerät habe ich mehr Angst, als vor der ganzen Behandlung.

Zu den ganzen taktilen und auditiven Reizen, die mich so schon an die Grenzen dessen bringen, was ich aushalten kann… zumindest für längere Zeit, kommen die Berührungen des Arztes und der Arzthelferin.
Das ist das Schlimmste.
Das ziehen am Mundwinkel, ständig kommen sie mir viel zu nahe. Sie sind viel zu weit in meinem Sicherheitsbereich.
Dabei ist es nichtmal nur das Berühren an sich. Bei Fremden ist mein Sicherheitsbereich viel größer. Mindestens über der Armeslänge. So würde es sich aber für einen Zahnarzt schlecht arbeiten lassen.
Was die Berührungen angeht, so sind meine Oberarme, Nacken und der Kopf taktil gesehen meine empfindlichsten Bereiche.
Bei Arbeiten an den Zähnen sind jedoch unumgänglich, selbst wenn sie versuchen, es zu vermeiden wo es nur geht.

Diesmal kam zu dem ganzen noch diese eklige Silikonmasse, oder was das sein soll, für den Abdruck. Sie fühlte sich kalt und glitschig an und lief ganz langsam durch den Mundraum in Richtung Rachen.
Sie brauchen den für eine Beißschiene.
Durch die Angewohnheit, das ich in Situationen der Anspannung, die Zähne sehr fest aufeinander beiße, habe ich mir mit den Jahren die Zähne quasi kaputt gebissen.

Zu alldem kann ich es nicht leiden, wenn ich nicht weiß, was genau kommt.
Erstens kann ich nicht wirklich sehen, was der Arzt in meinem Mund macht und zweitens muss ich durch das Licht meine Augen weitgehend geschlossen halten.
Ich kann mich so nicht auf die kommenden Berührungen vorbereiten. Alles trifft mich unvorbereitet, wie der Luftstoß als er ein Gerät in meinen Mund führen wollte, um die restlichen Reste rauszublasen.
Ich wäre an die Decke gesprungen, wenn ich das gekonnt hätte.

So langsam fällt mir die Kompensation immer schwerer.
Das geht viel zu schnell. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch kann. Wie war das nochmal, das Zeichen? Die Hand heben?
Wann hebt man denn mitten in einer Wurzelresektion die Hand?

Mein ganzer Körper ist inzwischen ein einziger Krampf, ist verdreht und meine Hände sind geballt.
Die Füße gleichen eher Krallen und mein Rücken ist angespannt bis auf das äußerste. Ich versuche mein Bestes, es auszuhalten. Lass ihn schnell sein. Bitte.

Plötzlich hält er inne.
Hat er irgendwas gesagt?
Ja… aber ich habe ihn nicht verstanden… ich bin schon lange nicht mehr da.
Ich bäume auf, das Licht… Sie hatte es zwischendurch immer wieder ausgeschaltet. So oft es eben ging, aber jetzt brauchen sie es doch nochmal.
Da legen sie ein Handtuch über meine Augen.
Aber ich glaube die Aussage dazu, „wir haben es gleich“, war in dem Moment wichtiger.

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