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gemeinsam stark Manche von euch kennen vielleicht das Eisbergmodell, das bildlich recht gut verdeutlicht, das 80% der Kommunikation nonverbal ist. Diese zu erkennen, auszusenden oder anzuwenden fällt Autisten schwer.
Nonverbale Signale werden meist unterbewusst gesendet. Sie unterstreichen Gesagtes, oder sie sind manchmal auch allein für sich aussagekräftig genug. Manche Autisten, so auch ich, lernen mit der Zeit (der eine mehr und der andere weniger) immer mehr diese nonverbalen Signale zu deuten und zu imitieren.
Dazu ist langjähriges Beobachten nötig und ein großer Erfahrungsschatz an Erfolgen und auch Misserfolgen in der Kommunikation.

Jedoch heißt ein Imitieren nicht unbedingt verstehen. Außerdem geht es mir häufig so, das für mich bei manchen Verhaltensweisen kein Sinn hinter steht. Manche wende ich dennoch an, nur um nicht aufzufallen und dann wieder damit konfrontiert zu werden, warum ich das nicht mache oder wie unhöflich ich wäre.
Stehe ich jedoch unter Stress, sieht man schnell, das Erlerntes wegfällt und dann bleibt das übrig, was wirklich bei mir zu sehen ist.
Eine Argumentation an anderer Stelle, das NT ebenfalls nicht immer Blickkontakt aufnehmen und selber oft nicht genau die Bilder von Augenpartietests zuordnen können, ist so nicht ganz richtig. Blickkontakt, Mimik, Gestik oder insgesamt die nonverbale Kommunikation ist so viel mehr. Ich falle in der Hinsicht sehr auf, sonst würde ich nicht immer wieder darauf angesprochen werden. Also muss da auch was anders sein.

Meine Wahrnehmung

Um den Unterschied in meiner Wahrnehmung zu verdeutlichen, ist es sicher erst mal hilfreich euch zu erklären, wie ich ein Gesicht wahrnehme und wie andere mich sehen.
Wie ihr wahrnehmt, kann ich nur vermuten und teilweise erahnen. Es ist schwer für mich das nachzuvollziehen. Ich kann mir das schlichtweg nicht vorstellen und ich denke, genauso ist es andersherum für euch schwer, die Wahrnehmung eines Autisten gänzlich nachvollziehen können.
Erschwerend kommt bei mir die Gesichtsblindheit (Prosopagnosie) hinzu, die nicht alle Autisten haben, aber doch so einige. Gemeinsam haben wir aber alle, das wir Nonverbales nicht intuitiv erfassen.
Ich will es dennoch versuchen euch zu erklären.

Ich nehme Mimik im Gesicht nicht komplex wahr. Zum einem liegt es vermutlich am fehlenden Blickkontakt und zum anderen an meiner Wahrnehmung.
Viele Autisten schauen erst gar nicht ins Gesicht. Manche wiederum haben es mit den Jahren gelernt, eine Art Blickkontakt aufzunehmen.
Bei mir verhält es sich beispielsweise so, das ich ein Gesicht durchaus sehe, aber nicht direkt in die Augen schaue. Beim Gegenüber kann so der Eindruck entstehen, das ich vollständig Blickkontakt aufnehme.

Tatsächlich sehe ich nur viele Einzelheiten, kann es aber nicht als Ganzes erfassen. Dazu fehlen mir wichtige Partien, wie z.B. die Augenpartie. Ich persönlich konzentriere mich sehr auf den Mund, Kinnpartie und Nase. Seltener auf die Stirnpartie, und nur dann, wenn beispielsweise etwas sehr Auffälliges auf der Stirn passiert. Ich sehe zwar auch am Rande den Rest des Gesichts, erfasse es aber nicht wirklich.

Wenn ich mich allerdings konzentrieren muss oder etwas erzähle, dann kann ich schwer gleichzeitig darauf achten, das ich den anderen anschaue.
Das irritiert mich und strengt zu sehr an. Daher ist es dann häufig so, das ich einen Menschen immer mal wieder kurz anschaue und dann meinen Blick schweifen lasse.

Vielleicht kann man es so erklären, wie ich mir Personen merke.
Wenn ich mir das Bild aus meinen Erinnerungen zu einer Person anschaue, dann kann ich nicht das ganze Gesicht sehen. Um die Augenpartie herum sehe ich nur, naja, das da was ist. Ich kann es noch nichtmal genau benennen.
Man könnte das vergleichen, das ich da einen Platzhalter einsetze, der dieselbe Hautfarbe hat wie der Rest des Gesichts. Erinnern kann ich mich an diese Partie nicht.
Es ist auch die einzige Partie, die ich nicht lernen kann, weil ich sie nicht sehe.

Es ist wie mit einer Fremdsprache, die man nicht richtig versteht.
Wenn mich jemand beispielsweise in Englisch etwas fragt, dann übersetzte ich das im Kopf, überlege mir die Antwort auf Deutsch, übersetzte diese wiederum in Englisch, um dann die Antwort in entsprechender Sprache wiederzugeben.
Ich denke nicht in dieser Fremdsprache und somit dauert es mitunter eine kleine Ewigkeit, bis ich entsprechend agieren kann.
Ähnlich geht es mir mit der Mimik. Ich sehe vieles. Kleine Veränderungen, z.B. wenn jemand die Stirn krauszieht oder der Mundwinkel sich verändert.
Aber ich muss das erst übersetzten, oder besser gesagt, in einem Gesamtbild zusammenfassen und/oder einem Gefühl zuordnen. Das ist manchmal sehr schwer bis unmöglich und dazu geht das Ganze manchmal derart schnell, sodass ich noch bei einem Ausdruck festhänge und es kommen dann unzählige hinzu.

Ich muss dazu schon jemanden sehr gut kennen, damit ich es einigermaßen hinbekomme. Bei deutlichen Gefühlen, wenn die Mimik unmissverständlich ist, fällt es mir leichter. Jedoch kann ich häufig die Nuancen nicht auseinanderhalten.
Das Gesamte zu erfassen, ist für mich intuitiv unmöglich.

Das wichtige Partien fehlen, erschwert das Ganze noch. Ich sehe sie zwar am Rande, kann aber nicht wirklich etwas damit anfangen.
Vielleicht liegt es an dem Zuviel an Informationen oder daran, das es zu viele Variationen gibt. Aber gerade die Augenpartie ist für mich ein Rätsel.
Wenn ich die Augenpartie gar nicht erfassen kann, dann ist es so, als ob mir in einem gewissen wichtigen Bereich sozusagen der Wortschatz einer Fremdsprache fehlt. Wenn man dann beispielsweise nur jedes dritte Wort übersetzten kann, dann ist der Satz völlig wirr. Man versucht die Lücken auszufüllen und entscheidet sich dann für die größte Wahrscheinlichkeit, aber man kann da auch gehörig daneben liegen.

Mir wurde oft erklärt, das andere diesen Prozess intuitiv erfassen. Ich kann mir das nicht mal vorstellen.
Gesichter lernen ist für mich harte Arbeit und dauert eine Weile.

Was mir hilft, mich an Personen zu erinnern, sind Fotos. Diese kann ich tatsächlich komplexer erfassen. Woran das liegt, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es daran, dass dort die Informationen „eingefroren“ sind.
Sie senden nicht stetig neue Signale, die mich wiederum überfordern, oder es liegt daran, das viele eine Situation benennen und ich somit leichter zuordnen kann.
Ich habe oft versucht, anhand von Fotos Mimik zu erlernen. Aber mir fällt es schwer, das allgemeingültig zu übertragen. Sobald eine Facette anders ist, passt es nicht mehr und ich werde wieder unsicher ob der Zuordnung.

Blind

Hinsichtlich der Mimik bin ich blind, gesichtsblind.
Man könnte es mit einem Farbenblinden vergleichen.
Ich kannte mal eine Frau, die farbenblind ist und sie hatte mal versucht zu beschreiben, wie sie die Farbenwelt wahrnimmt,und wie sie es schafft trotz Farbenblindheit als Graphikerin zu arbeiten. Ich finde das bis heute eine enorme Leistung.
Sie kann sich nicht einmal vorstellen, wie die Farbe rot aussieht, oder grün. Für sie ist alles grau. Mit der Zeit lernte sie, die Grautöne zu unterscheiden. Es sind nur Nuancen, aber auch sie war darauf angewiesen, das man ihr anfangs immer wieder die Farbe benannte, um sie zuordnen zu können.
Die Gefühlswelt und Mimik ist wesentlich komplexer, und so bekommt ihr vielleicht ein Gefühl dafür, wie schwer das sein kann, das zu erlernen.

Nonverbales besteht nun nicht nur aus Mimik, sondern eben auch aus Körpersprache, Gestik, Tonlage.
Es ist ein Gesamtbild aus vielen Informationen. Viel zu viel für mich.
Das macht es schwer, es zuzuordnen.
Es sind unzählige Kombinationsmöglichkeiten mit unendlich vielen Variationen. Sie alle zu lernen und dann auch noch richtig zu interpretieren in sekundenschnelle ist eine Denkleistung, die ich nicht erbringen kann. So wird es oft nur ein Raten sein. Ein Erahnen und ich bin darauf angewiesen, das man mir Gefühle benennt. Nonverbales verbalisiert.

Man könnte es vielleicht mit Blinden gleichsetzten. Bis auf das Hören der Tonlage können sie Nonverbales nicht sehen. Auch sie haben, insofern sie ab Geburt blind waren kaum Mimik und Gestik. Sie hatten es ja nie gesehen. Nur da setzten es andere auch nicht voraus. Wenn man mit einem Blinden redet, benutzt man automatisch mehr Worte um Emotionen zu beschreiben oder Nonverbales zu unterstreichen. Oder erklärt es zumindest, wenn man gefragt wird. Logisch, Blinde können es ja nicht sehen.

Nur bin ich nicht blind. Ich kann ja sehen. Kann aber stellenweise genauso wenig nonverbales erfassen. Manche Dinge lernt man, aber nicht alles und in der Hinsicht stapfe ich auch blind durch die Welt.
Würdet ihr mit mir reden wie mit einem Blinden? Eher nicht, da man es sich nicht vorstellen kann.

Meist bekomme ich nur anhand einer Analyse heraus oder indem ich einfach frage, was denn nun in demjenigen vorgeht oder wie es gemeint war.
Es ist daher nicht böse gemeint. Vielmehr ist es eine ernst gemeinte Frage, weil ich es nicht sehen kann und ich stelle sie, wenn ich sie stelle, aus ehrlichem Interesse. Aber sicher nicht weil ich jemanden „für dumm verkaufen“ möchte.
Warum das auch immer so gesagt wird, ich fand das jetzt vom Fluss her passend.

Wie nehmen mich nun Andere wahr

Betrachtet man das, wie ich wahrnehme, dann ist es vielleicht gar nicht mehr so schwer zu verstehen, warum bei mir selber wenig oder oft Widersprüchliches zu sehen ist.
Wie kann man etwas imitieren, das man selber nicht sieht, nie gesehen hat oder gar nicht versteht.
Versucht doch mal einem von Geburt an Blinden die Farbe rot beschreiben zu lassen.
Selbst wenn man ihnen das vorab erklärt und umschrieben hat, so wird er nie gänzlich wissen, wie die Farbe aussieht.
Geht man deswegen dann zu dem Blinden hin und sagt, das er lernen muss, wie die anderen zu sehen oder das er unhöflich ist, weil er einem nicht in die Augen schaut?

Ich höre oft solche Sätze wie, ich wäre herzlos, kalt, distanziert.
Viele sagen, ich habe immer einen recht offenen, freundlichen Gesichtsausdruck. Unter Fremden geht mein Ausdruck gen null. Das wirkt unhöflich.
Ich wurde immer wieder darauf angesprochen. „Magst du mich nicht?“, „hast du was gegen mich?“, „ich dachte du wärest arrogant aber eigentlich bist du nett“. „Ich weiß nicht so recht, woran ich bei dir bin“, „du wirkst als wolltest du nicht angesprochen werden“.
Ich bin jedes Mal überrascht. Dabei lege ich schon teilweise auch übertrieben Emotionen rein, denke manchmal, man muss doch sehen, wie es mir geht, aber dem ist nicht so.

Leute, die mich sehr gut kennen, sagen, ich habe da ein immer wiederkehrendes Muster. Daran merkt man auch das Antrainierte.
Ich lasse z.B. regelmäßig Lacher im Gespräch einfließen. Lächle in bestimmten Abständen. Damit komme ich oft recht gut durch. Aber es passt nicht immer zu dem was ich sagen oder ausdrücken will.

Etwa 70 % meiner Gestik und Mimik ist antrainiert. Diesen Wert hatte ich grob geschätzt bei der Uniklinik in der Diagnostik angegeben.
Das wirkt sehr irritierend für beide Seiten. Für mich, weil ich scheinbar nicht glaubhaft transportieren kann, was ich ausdrücken möchte und die Gesprächspartner, weil sie da einen anderen Gesichtsausdruck erwartet hätten oder eventuell so auch nicht die Tragweite eines Problems erkennen.
Wie oft saß ich beim Arzt und konnte nicht glaubhaft vermitteln, wie schmerzhaft das ist oder wie krank ich war. Das kann zu einem Problem werden.

Häufig sagt man mir, ich hätte ein falsches Lachen, weil es meine Augen nicht erreicht. Jemand anderes meinte mal, Autisten sehen in ihren Ausdruck von Emotionen irgendwie immer unfertig aus. Als ob es nie richtig rauskommt. Das kann gut sein, wenn einem viel an Ausdruck fehlt.

Genauso wie ich früher häufig vor dem Spiegel stand, um Gesichtsausdrücke imitieren zu lernen so versuche ich heute noch manchmal meine eigene Mimik zu erfühlen. Ich hatte mal eine Situation, da wurde mir gesagt:
„Jetzt strahlst du“.

Sofort versuchte ich herauszufinden, was denn nun der Unterschied zwischen einem falschen Lachen und einem Strahlen ist. Ich versuchte immer wieder zu erfühlen, welche Muskelpartien wie verändert sind.

Das hatte zur Folge, das die Person das wiederum nicht zuordnen konnte. Denn von dem Zeitpunkt an versuchte ich eine ganze Weile das Strahlen zu analysieren, und sobald die Person das wieder benannte, veränderte sich etwas. Vermutlich verlor ich dann genau das was dieses „strahlen“ natürlich macht. Ich hatte sogar versucht, es vor Spiegeln zu imitieren.
Aber die Augenpartie, die wohl maßgeblich ist für ein „Strahlen“ ist, bleibt mir nach wie vor ein Rätsel.

Selbst bei mir.

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