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Ich schreibe oft und viel über meine Defizite.
Das mag daran liegen, das viele, gerade was Autismus belangt, die Defizite in den Vordergrund stellen.
Viele Fragen, die Angehörige oder auch Autisten stellen, sind oft auf das Defizit bezogen und ein Aufruf an andere zu erläutern, wie man es besser machen könnte.

Manches klingt aber auch nur Defizitär. Manches, was ich nur erklären möchte, da ich an solchen Stellen wohl unterschiedlich bin. Manches, wo ich selbst ganz gern die Unterschiede herausarbeiten möchte. Manches, das Angehörigen, Interessierten oder auch Fachkräften eine Hilfestellung sein soll, um Autismus in all seinen Facetten zu verstehen. So will ich doch aufklären und dazu gehört eben auch die Unterschiede herauszuarbeiten.
Vieles davon ist für mich aber völlig normal, sicher nicht defizitär und einige Sachen davon sehe ich eindeutig als gute Eigenschaft oder Stärke an. Auch wenn das von außen oft nicht so gesehen wird.

Ich würde sogar sagen, die Eigenschaft, dass ich, wenn ich in schwerer Unruhe bin, in einem Putzwahn ausarte, eine sehr nützliche Eigenschaft ist.
Zum einem, weil sie mich tatsächlich beruhigt, zum anderen, weil sie den netten Nebeneffekt hat, dass mein Haushalt danach erledigt ist.
Meine Routinen (die immer ausgeführt werden müssen) wie z.B. das meine Küche geputzt sein muss, bevor ich koche und nachdem. Das ich das Bad nach Benutzung immer grob putze etc.
Betrachtet man es auf der defizitären Seite, dann ist es für mich schwer, davon abzulassen. Meine Routinen sind dann sprichwörtlich im Eimer, wenn ich darin unterbrochen werde oder sie so nicht durchführen kann, wie ich es brauche. Sie geben mir Sicherheit um meinen Alltag bewältigen zu können.
Betrachtet man das Positive an der Sache, so kann man durchaus sagen, dass ich mit meinem Haushalt gut zurechtkomme. Gut, viele sagen, ich übertreibe es maßlos und ich putze eine Küche nicht einmal sondern 4 mal am Tag. Aber, so what.

Auch ist es so, das ich sehr oft erschöpft bin, viele Pausen brauche. Aber ist das ein Wunder, bei den vielen Dingen, die bei mir anstehen? So vieles, das bedacht werden muss.

In den letzten Wochen und auch Monaten hatte ich viele Rückschläge. Es hat auch das ein oder andere mal gekracht. Manche waren regelrecht verzweifelt ob meiner Naivität. Auch das ist ein Lernprozess, den mir keiner abnehmen kann.

Momentan ändert sich viel zu viel in viel zu kurzer Abfolge. Ich habe oft gar nicht die Zeit mich um- oder auf die neue Situation einzustellen.
Genau darüber schreibe ich genauso, denn es ist nunmal zum einen etwas, das mich sehr beschäftigt, außerdem hilft es mir darüber zu schreiben und zum anderen ist es vielleicht auch interessant für andere, wie ich mit solchen Situationen umgehe.

Betrachtet es man jedoch aus einem anderen Blickwinkel, dann sieht man auch deutlich, was ich bisher alles geschafft habe.
Viele Dinge, die ich zum ersten Mal gemacht habe. Ich bin jetzt 37 Jahre alt und stehe das erste Mal auf eigenen Beinen. Ich gehe regelmäßig einkaufen. Schaffe es nach und nach, meine Strukturen umzuändern, damit ich sie dem neuen Ablauf anpassen kann.
Ich bin wesentlich selbstständiger und selbstsicherer geworden. Habe aus vielen Situationen heraus gelernt, meine Naivität in manchen Bereichen abzulegen oder zumindest zu reduzieren.
Man könnte durchaus sagen, ich beginne erwachsen zu werden. Sicherlich etwas spät, aber besser als nie, würde ich sagen.

Es ist nicht alles so schlecht oder schlimm, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Manches ist zwar sehr anstrengend und manches nicht machbar. Ich bin auch oft verzweifelt, erschöpft oder ich sehe auch manche Anpassungen nicht mehr ein, weil sie mir zuviel an Kraft kosten. Ich sehe vieles differenzierter. Aber vieles hat auch seine guten Seiten, und wenn es nur die Erfahrung ist, aus der ich lernen kann.
Ich weiß, da steht noch ein riesen Berg vor mir, der mir stellenweise noch große Angst bereitet. Aber lange nicht mehr so sehr, wie am Anfang meines Weges.

Ich habe mit der Zeit Freunde unter meinesgleichen gefunden, die mir mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ich habe gelernt so manches mal um Hilfe zu bitten, etwas was mir nach wie vor sehr schwer fällt, vor allem den Zeitpunkt herauszukristallisieren, wann ich denn nun Hilfe brauche. Ich habe immer noch Schwierigkeiten damit, mich mitzuteilen. Sehe da oft auch den Sinn nicht dahinter.

Ich will nicht abmildern, das es anstrengend ist und sein wird, um all das zu bewältigen, was da auf mich zukommt. Manche Dinge werde ich nie verstehen und in vielen Bereichen immer „anders“ sein. Ich werde manches auch nicht ohne Hilfe schaffen und der schwerste Schritt war für mich die Erkenntnis, das es ohne Offenlegung meiner Diagnose wohl nicht gehen wird.

Aber ich sehe da ein Stück weit optimistisch in die Zukunft.
Für mich heisst es momentan ganz schnell eine Wohnung zu suchen. Der Abschnitt Eigenheim in meinem Leben hat bald ein Ende. Ich hätte gern mehr Zeit gehabt. Aber auch das werde ich irgendwie und vielleicht auch mit einigen Abstrichen meistern.
Die Hauptsache ist aber doch, das ich irgendwann rückblickend sagen kann,

„Ich habe es geschafft!“

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