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Ich wollte schon länger einen Beitrag zum Thema Essverhalten schreiben, denn wer mich kennt, der weiß, dass dies ein wichtiges Thema für mich ist und nicht nur für mich, sondern auch bei meinen 2 Jungs, die ebenfalls beide autistisch sind.
Ich höre und lese das oft im Zusammenhang mit Autismus und ich will nun versuchen, das ein wenig zu erklären, wie es sich bei mir verhält und warum ich manche Dinge nicht esse und manche doch. Manchmal aber auch einen Tag gar nichts esse oder auch mal tagelang nichts zu mir nehme. Ähnlich ist es mit dem Trinken. Ich möchte hier meine Gründe näher erläutern und vielleicht erklärt es das ein oder andere, so das es hilfreich ist, um auch bei anderen Autisten oder autistischen Kindern Muster zu entdecken.

In manchen Dingen bin ich sehr eigen. Gerade was mein Essen betrifft, esse ich nicht alles, und wenn nicht das da ist, was ich gerne mag oder, wenn es nicht genau so ist, wie ich es mag, verzichte ich ganz auf das Essen.
Gerade wenn manchmal Rezepturen verändert werden, wenn nur das Gewürz verändert wird, wenn manche Sorten aus dem Verkauf genommen werden, dann bringt mich das schier zur Verzweiflung und wird fortan von der Speisekarte gestrichen.

Beispielsweise habe ich früher unheimlich gerne Fleischsalat gegessen. Aber eben nur einen bestimmten aus einem bestimmten Laden (auf Schleichwerbung verzichte ich mal an dieser Stelle und tut auch nichts zur Sache ;)). Seit sie dort die Rezeptur verändert haben, esse ich keinen.
Ich versuche es zwar immer mal wieder, wenn ich irgendwo einen Neuen sehe. Aber keiner schmeckt so wie der, den ich mochte.
Ich bin auch kein großer Brotesser. Auch da mag ich nur bestimmte Sorten und wenn, dann ist die Auswahl meiner Belagsmöglichkeiten recht gering.
Beispielsweise esse ich zum Frühstück nur Aprikosenmarmelade. Phasenweise auch mal Kirschmarmelade.
Abends, wenn es Brot gibt, nur Salami, und da auch nur bestimmte Sorten oder Käse, den allerdings recht gern. Leider muss ich da aber immer ein wenig aufpassen, da ich laktoseintolerant bin.
Genauso wie ich bei Eis eigentlich aufpassen muss, aber da mag ich nur die Nusssorten oder Joghurteis. Da wird das natürlich schwierig und ist immer ein Abwägen, was geht und was nicht. Bei Nusseis am liebsten immer Haselnuss.
Was ich manchmal gerne esse und auch mal zwischendurch ist Müsli mit Joghurt. Da mag ich allerdings nur den großen Becher (Natur), die kleinen würde ich nie kaufen. Auch wenn es manchmal sinnvoller wäre, da ich meist die Hälfte wegschmeissen muss.

Ein großes Problem bei meinem Essverhalten ist, das ich keinen Hunger und keinen Durst verspüre.
Ich esse oft nur, weil ich denke es ist an der Zeit, und gerade wenn ich unter Stress stehe, kann es vorkommen, dass ich gar nichts esse. Oder wenn ich mit meinem Spezialinteressen beschäftigt bin, dann vergesse ich schlichtweg zu essen oder zu trinken.
Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass einige Menschen wählerisch sind, was das Essen angeht. Also ist das nicht umbedingt AS-typisch. Der ein oder andere hat gewisse Vorlieben oder mag auch mal das ein oder andere nicht, weil es nicht schmeckt, beispielsweise. Es ist jedoch tatsächlich so, das ich eher auf das Essen ganz verzichte, als das ich was anderes essen würde, und es reichen oft schon Kleinigkeiten aus. Ich denke, auch hier macht der Unterschied zwischen mir und anderen, die Masse an Auffälligkeiten, die Intensität und eben der „sensorische Hintergrund“ aus.

Das Gefühl

Gerade Obst, das eine pelzige Haut hat, kann ich gar nicht essen. Z.B.der Pfirsich. Nektarinen esse ich an sich sehr gerne, aber sie müssen sehr fest sein, fast schon grün. Ähnlich bei Äpfeln. Es gibt z.B. diese mehligen Äpfel, was ich gar nicht leiden kann. Das fühlt sich alles unangenehm im Mund an und zudem neigen manche Lebensmittel dazu, am Gaumen oben festzukleben. Ein sehr unangenehmes Gefühl.

Ebenso unangenehm ist Sprudel für mich. Mehr als drei Schlucke bekomme ich nicht hin. Das tut zu sehr weh im Rachen und ziehe daher stilles Wasser vor.
Mit Säften allerdings kann man mich jagen. Sie brennen im Rachen und es gab bisher nur eine Situation, in der ich anfing, Säfte zu trinken und das war, als ich schwanger war.
Das Einzige, wo ich ein Sprudeln mag, ist bei Cola und Co. Irgendwie ist es da anders. Es sprudelt weicher und da mag ich das sogar. Aber vielleicht liegt es auch daran, das ich Cola niemals in mehreren Schlucken hintereinander trinken würde.

Eine Macke von mir dabei ist, dass ich im Grunde nur aus Flaschen trinke. Wasser beispielsweise nur aus den kleinen Flaschen, die sind handlicher. Nur wenn Besuch da ist, dann benutze ich Gläser, so wie es mir beigebracht wurde. Trinke dann aber auch recht wenig. Im Grunde stehen bei mir immer überall die Flaschen rum. So erinnere ich mich immer selber, dass ich trinken muss.

Die Konsistenz

Genauso unangenehm ist für mich so manche Konsistenz.
Z.B. mag ich Spargel überhaupt nicht. Ich bekomme schon einen Würgreflex, wenn ich den nur in den Mund schiebe, geschweige denn, dass ich den beissen würde.
Es fühlt sich einfach weich, glitschig und zudem faserig an, und das mag ich gar nicht. Als Suppe esse ich ihn wiederum gerne, püriert! Es hat also weniger was mit dem Geschmack zu tun, denn an sich schmeckt er mir ja.
Ähnlich verhält es sich mit Fleisch. Gerade wenn sie nicht durch sind, hat Fleisch die ebenso komische Konsistenz, die ich nicht mag.
Da drauf beissen zu müssen, ist ein ungemein ungutes Gefühl im Mund. Gleichzeitig ein unangenehmes Geräusch. Ich habe lange überlegt, mit was man es vergleichen könnte, aber mir will einfach kein geeignetes Beispiel einfallen.
Daher esse ich Fleisch auch nur sehr gut durch. „Lappen“, wie es manche bezeichnen oder anderen vielleicht auch besser als „Schuhsohle“ bekannt 🙂 aber ich mag das so. Entdecke ich nur eine winzige Stelle, die nicht ganz durch ist, dann lasse ich das ganze Fleisch stehen. Wenn ich es nicht rechtzeitig gesehen habe, dann kann es vorkommen, das ich es auch sofort wieder ausspucke. Das hat schon manch einen irritiert und kommt vor allem in Restaurants nicht all zu gut an.

Restaurants haben eh ihre ganz eigene Vorstellung von gut durch, habe ich so den Eindruck. Denn wenn ich gut durch sage, dann erwarte ich auch gut durch. So passierte es nicht nur einmal, das ich das Essen stehen ließ. Wenn nun ein aufmerksamer Kellner das bemerkte, kam natürlich die Frage, ob etwas nicht in Ordnung sei. „Ja“ ist es nicht. Bei genaueren Nachfragen rücke ich dann mit der Sprache raus „es ist nicht durch“. Der Kellner bringt das zurück in die Küche, um es nachbraten zu lassen. Prompt schalt es aus der Küche, das ist doch dann ein Lappen :O.
Ja genau, so will ich es haben.

Der Geruch

Manche Lebensmittel stinken. Gerade bei Fleisch gibt es Sorten, die ich absolut nicht riechen kann. Im Grunde esse ich nur Pute und Rind. Als Hack auch Schwein und Rind gemischt, Schwein nur zu bestimmten Anlässen oder in gewissen Gerichten. Bei Schwein verhält es sich oft so, dass ich es im rohen Zustand nicht riechen, kann aber dann kommt es eben auf die Zubereitung an. Hähnchen stinkt meiner Meinung nach und esse ich daher gar nicht.
Fisch mag ich auch nicht riechen. Das Einzige was ich wirklich gerne mag sind Meeresfrüchte.

Der Geschmack

Ich koche eigentlich immer das Gleiche und verwende auch meist die gleiche Würzung. Ich mag es, wenn es immer gleich schmeckt, und ärgere mich sehr, wenn manches Mal Rezepturen von manchen verändert werden, weil mir die alte sehr gewohnt war. Es ist jedoch nicht so, das ich nicht auch auswärts essen kann. Nur bei Gerichten, die ich zubereite, muss es immer genauso sein, wie ich es kenne. Eben pure Gewohnheit.
Ich hatte öfter die Situation, das jemand versucht hat meine Gerichte nachzukochen, und wenn dann nur ein Gewürz verändert wurde, habe ich es nicht essen können.
Genauso bekomme ich den Kartoffelsalat einfach nicht so hin, wie ich ihn mag. Ich habe den Geschmack im Kopf und bin da recht eigen, wenn er nicht genauso schmeckt, wie ich es mir vorstelle.

Die Umgebung

Manches Mal, gerade wenn ich kurz vor einem Overload stecke, oder eben auch im Stress bin, dann sind mir kleinste Geräusche schon zu viel. Ich ertrage dann schon oft das Schmatzgeräusch der anderen nicht und ich bin schon mehr als einmal panikartig vom Tisch verschwunden, bevor ich ausraste. In solchen Situationen mitzuessen ist mir nicht möglich und ein Restaurantbesuch kann so schnell in einem Desaster enden.
Ich esse daher oft lieber alleine. Nicht immer, aber gerade in solchen Situationen ziehe ich mich lieber zurück.

Insgesamt bin ich ein sehr schlechter Esser. Esse meist viel zu wenig oder auch mal gar nicht. Ich bin eine süße, mag gerne süße Sachen, aber da ich da immer ein wenig aufpassen muss, lasse ich sie lieber weg.
Da ich Hunger und Durst nicht spüre und Mengen sehr schlecht einschätzen kann, ich also auch kein Sattgefühl habe, ist es oft recht schwierig für mich, das richtige Maß zu finden.
Bei meinem Großen verhält sich das sehr ähnlich und auch bei ihm muss ich immer darauf achten, dass er auch genug isst und nicht nur süßes. Er ist in vielem noch extremer wie ich.
Wir haben beide eine Essstörung seit Kindheit an. Aber weniger um die Kontrolle zu haben, oder weil wir manches aus Überzeugung heraus nicht essen würden, sondern weil es bei uns einen sensorischen Hintergrund hat.
Aber auch liegt es eben zum großen Teil daran, dass wir es eben nicht spüren, wenn es Zeit ist, zu essen oder zu trinken.
Aus Erfahrung weiß ich, dass es helfen kann, sich bewusst zu ernähren. Tatsächlich Kalorien zu zählen. Zu planen, wieviel an Kalorien, Fetten, Nährstoffen und Ballaststoffen zu sich genommen werden muss. Nicht weil es darum geht abzunehmen, zuzunehmen oder auch zu halten. Sondern einfach um ein Gefühl dafür zu bekommen, was man am Tag zu sich nehmen sollte.
Leider ist das nicht immer so einfach, wie sich das hier ließt. Es ist sehr schwer, gegen die Essgewohnheiten eines Autisten anzugehen. Oft geht das nur in sehr kleinen Schritten und die Ärzte sagen gerade beim Großen sehr oft, das geht viel zu langsam, auch wenn man die Erfolge über die Jahre sehen kann.
Aber auch „ein steter Tropfen höhlt den Stein“ (RW) und auch ich werde eines Tages wieder mit dieser Methode mein Essen regeln. Denn es ist bisher das Einzige, das wirklich funktioniert.

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