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gemeinsam stark Ich denke zurzeit über das „Reden“ nach. Warum es mir schwerfällt und zeitweise auch gar nicht geht oder mir einfach zu anstrengend ist. Manchmal wünschte ich, ich könne einfach stumm bleiben.
Mich hatte zu dieser Frage auch die Ansicht anderer interessiert und sie daher in Facebook gestellt. Entstanden ist eine überaus interessante Diskussion, die ich hier stellenweise einfließen lassen möchte.

Ich war letztens in der Ergotherapie meines Sohnes und dieser kennt auch meinen Blog. Er sprach die Diskrepanz zwischen meinen verbalen Kommunikationsfähigkeiten und meinen Schreibfähigkeiten an.
Das fällt vielen auf, wenn sie beide Seiten von mir kennen.
Meine Antwort an den Ergotherapeuten mag für mich logisch erscheinen, da ich es nur so kenne. Aber für ihn war sie verwirrend:

 

„Ich schreibe immer im Kopf.“

 

Ich denke, wie ich schreibe. Daher fällt mir schreiben nicht so schwer. Ich kann aber nicht reden, wie ich denke. Da sind viele Worte blockiert.

In manchen Situationen verstumme ich einfach. Meist, wenn ich Stress habe oder wenn es sehr anstrengend ist.
Es sind sicher auch Unsicherheit mit dabei, gerade durch das fehlende Verständnis für die nonverbale Kommunikation und eben auch für soziale Konventionen. Ich stelle mir im Hintergrund ständig Fragen.
Beispielsweise: Muss ich grüßen?, Wenn ja wie? Hallo, Guten Tag? Hand geben? Umarmt die mich wohlmöglich…etc. Wie meint die Person das? Interessiert sie das? Freund oder Feind. Was ist angemessen? Was nicht. Ich habe oft die Angewohnheit mich um „Kopf und Kragen“ (RW) zu reden.
Das würde eventuell auch erklären, warum es mir schwerer fällt, umso fremder mir die Person ist. Das geht teilweise so weit, das ich gar nicht mit fremden Personen rede.
Ein gutes Beispiel sind da das Ansprechen der Verkäufer in einem Einkaufsladen oder das erfragen von Details an einer Wurst und Käsetheke beim Metzger. Da tu ich mich sehr schwer. Wenn ich nicht genau weiß was ich will und die Gefahr besteht, dass ich fragen muss oder das ich nicht genau sehen kann, das das was ich will auch da ist, verzichte ich meist lieber.

Es ist da auf so vieles zu achten beim Reden. Es strömt unheimlich viel an Informationen auf mich ein und ich versuche diese zu interpretieren. Was ich meist nicht auf Anhieb schaffe. Denn das ist eine reine Denkleistung bei mir. Ich erfasse nonverbale Signale nicht intuitiv, habe aber viele gelernt zu erkennen.

Dazu noch die Außenreize. Das Auto, das vorbeifährt. Nebengeräusche, die für mich gar nicht daneben sind, sondern mitten dabei.
Oft ist es so, das ich gar nicht verstehen kann, was mein Gegenüber sagt. Vor allem dann nicht, wenn viele reden. Ich sehe dann zwar, das was gesagt wird, verstehe es aber nicht. Ich muss mich dann schon sehr konzentrieren und behelfe mir zusätzlich damit, die Lippen begleitend zu lesen.

Manchmal senden Menschen Signale aus, die so widersprüchlich zu dem sind, was sie sagen. Da bleibe ich dann während des Gesprächs hängen und kann dem Gespräch nicht mehr folgen. Ich versuche dann zu ergründen, was ich da gesehen habe und vor allem warum es nicht zu dem passt, was gesagt wurde.
Ähnlich verhält es sich mit Wörtern, die da nicht reinzupassen scheinen. Bei vielem habe ich mit der Zeit gelernt, in ihnen Redewendungen oder doppeldeutige Wörter zu erkennen. Aber das gelingt mir nicht immer und umso höher mein Stresspegel steigt, umso weniger ist es mir möglich, dieses Wissen abzurufen.
All diese Maßnahmen, die ich ergreife und ergreifen muss um aktiv an einem Gespräch teilzunehmen sind sehr anstrengend.

Versucht euch mal während eines laufenden Gesprächs eine Einkaufsliste fertigzustellen, die ihr direkt nach dem Gespräch dringend braucht, und versucht dann noch aktiv am Gespräch teilzunehmen. Das ist gar nicht so leicht, denn ihr müsst euch gedanklich auf die Liste konzentrieren. Dazu nehmt visuell die nonverbalen Signale auf, während ihr auch visuell auf das Schreiben achten müsst.
Das strengt ungeheuer an und so geht es mir ständig. Das merkt man je nach Dauer und Person zunehmend an der Qualität meiner Aussprache. Ich beginne dann zu stottern und meine Aussprache wird verwaschen. Wenn ich es dann noch weiter versuche, dann hört man von mir irgendwann gerade noch ein schweres Lallen. Als wäre ich betrunken. Ich vermute, dass mein Gehirn in solchen Situationen irgendwann einfach ausschaltet, da es reizüberflutet ist.
Dann blende ich manchmal Sinne komplett aus. Schalte beispielsweise das Hören ab. Gerade wenn ich in einen Shutdown rutsche, merke ich es daran, dass ich langsam einen Sinn nach dem anderen ausschalte bzw. dämpfe.

 
Die Sache mit den Fragen

 

Das Problem ist auch oft die Frage. Umso allgemeiner sie gestellt ist, umso mehr kommt an Material hoch. Ich sollte hier an dieser Stelle vielleicht noch mal erklären, dass ich fast überwiegend in Bildern denke.
Das muss natürlich alles erst mal gesichtet werden, und dann beginnt das eigentliche Problem. Was davon ist denn nun relevant. Mal so kurz auf eine solche Frage zu antworten? Ich könnte das nicht. Ich bin oft gefragt worden, was ist denn Autismus. Ich bin da echt sprachlos. Wenn man mich vom Schreiben kennt, scheint das fast undenkbar.
Ich muss mir auch erst mal gründlich Gedanken über etwas gemacht haben, bevor ich das als Antwort verbal wiedergeben kann. Bei unvorbereiteten Fragen nicht möglich.

Aber über Autismus beispielsweise habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht und eben auch darüber, was Autismus für mich ist.
Ich denke, dass es in dem Fall wirklich so ist, das ich da nicht differenzieren kann, was nun wichtig ist und was nicht. Für mich hängt alles zusammen. Alles greift ineinander.
Erzählt man vom Autismus, dann ist das nicht in kurzen Worten erklärt. Finde ich. Dazu gehören dann aber auch die Komorbiditäten. Wenn, dann richtig.
Über das Missverständnis bezüglich der Savants muss man ja auch noch aufklären etc… Da ist so vieles was in meinen Augen dazugehört. Zuviel an Info auf einmal. Solch eine allgemein gestellte Frage wie „Was ist Autismus“ ist für mich aus dem Stegreif nicht zu beantworten.
Bei diesem Thema (mein SI) bin ich wesentlich weiter fokussiert als andere. Wesentlich mehr drin im Thema. Die Detaildichte und -ebene kann ich so zwar erfassen aber eben nicht, inwieweit sie angebracht ist und auch nicht auf die schnelle ohne Weiteres zu verbalisieren.
„Voll“ ist eine gute Beschreibung. Ich habe dann ein „Zuviel“ an Informationen zu diesem Thema oder zu dieser Frage. Mir würden da die richtigen Fragen helfen. Fragen, die sich nicht so weitläufig beantworten lassen. Wenn der Fragesteller das gut beherrscht, dann kann man sich auf diese Weise langsam zur Antwort vorarbeiten.
Gerade wenn ich in einem Gedankenkarusell stecke ist das ein hilfreiches Mittel und ich kenne zum Glück jemanden, der das ziemlich gut kann.
Fragen, die auf diese Weise gestellt sind, helfen mir den richtigen Gedankenstrang zu fassen. Selbst das geschieht bewusst und sehe es manchmal als kleinen Film.
Da fokussiere ich dann tatsächlich auf den Gedanken unter vielen. Aber da benötige ich oft die Hilfe von außen.

Jemand der nur fragt, um gefragt zu haben, der wird wohl keinen endlosen Vortrag erwarten.
Genauso kann es auch passieren, das ich aufgrund der Fülle der Bilder, die nach solch allgemein gestellten Fragen hochkommen, einfach verstumme. Ich stehe dann sprichwörtlich da wie der Fisch auf dem Lande und schnappe in diesem Falle nicht nach Luft, sondern nach Worten, die ausdrücken sollen, was ich da alles sehe.
Auf diese Weise kann eine einfache, vielleicht höflich gemeinte Frage ein Auslöser für Krisen und Irritationen sein. Auf beiden Seiten.
Man kann sich vielleicht nicht vorstellen, wie tief ich mich in ein Thema reindenke und informiere, wenn es mich interessiert.
Vielleicht kann man sich noch nichtmal vorstellen, wie viel ich eigentlich generell denke. Ich denke immer. Es gibt bei mir fast keine automatisierte Kommunikation, Körpersprache (wenn vorhanden) und kein intuitives Erfassen. Fast alles findet auf der bewussten Ebene statt und das erklärt euch vielleicht, warum das ALLES so anstrengend für mich ist.

Wenn ich vielleicht mal eher stumm bin oder auch mal zuviel rede, monologisiere, dann hat das nichts damit zu tun, das ich euch nicht mag oder generell nicht mit euch reden möchte. Es ist oft einfach nur ein Zuviel. Ein Zuviel an Frage, Information, Reizen, Bildern und vielen Dingen, die mich überfordern.

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