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Stark sein ist leicht, keine Kunst.
Schwäche zuzugeben zeugt aber von wahrer Stärke und vermag nicht jeder.

Das ist ein Spruch, den ich vor Jahren mal selbst geschrieben habe und ihn seither als Signatur in Foren verwende, in denen ich so zu finden bin.
Ich spreche hier sehr bewusst in der Ich-Form. Denn man kann diesen Punkt mit Nichten verallgemeinern.
Es gibt Autisten, die sich so gut anpassen können, dass sie ohne jedwede Hilfe zurechtkommen. Sie hatten das Glück, sich ein autistengerechtes Umfeld schaffen zu können. Sie haben vielleicht sogar ein gut funktionierendes Netzwerk aus Freunden und Familie, die sie unterstützen und Dinge abnehmen, die sie selber nicht so gut hinbekommen. Das ist aber nur ein kleiner Teil.
Es gibt auch die andere Seite. Autisten, dich sich nicht selbst versorgen können. In Heimen untergebracht sind, oft Mehrfachbehinderungen aufweisen. Aber auch das ist nur ein kleiner Teil.
Autismus ist nunmal ein Spektrum. Die Spannbreite ist groß und zwischen dem gut angepassten Autisten und dem Autisten im Heim gibt es ein großes Mittelfeld, das allzu gern vergessen wird.

Ich halte es für falsch, an dieser Stelle zu bagatellisieren und genauso auch zu pauschalisieren. Ich halte auch nichts von den Bezeichnungen „milder“ oder „leichter“ Autismus, wie oft gerne das Asperger Syndrom tituliert wird.
Warum bin ich weniger Autist nur weil ich gelernt habe manche Dinge „irgendwie“ und unter „Kraftanstrengung“ zu meistern. Warum bin ich weniger Autist, nur weil ich zeit meines Lebens ein gut funktionierendes Umfeld hatte, wenn auch der Preis, den ich dafür zahlen musste, sehr hoch war.

Lebensumstände können sich ändern!

Teilweise merke ich jetzt erst, wo ich allein dastehe, wo genau meine Defizite eigentlich liegen und das sind wesentlich mehr Dinge, als ich dachte. Dadurch, das ich immer Menschen hatte, die mir vieles abnahmen.

Meine Tage sind schwankend. Autismus ist nicht an einem Tag weg und am nächsten wieder da. Das nicht. So gesehen ist Autismus nicht Tagesformabhängig.
Aber die Kompensation, die sehr wohl. Es gibt Tage, da kann es mich schneller in einen Overload treiben und es gibt Tage, da kann ich viel mehr kompensieren.

Es ist tatsächlich vom Stresslevel abhängig. Das erklärt z.B. auch Folgendes.
Wenn ich mal in einer Woche sehr viele Termine habe und kaum Ruhephasen dazwischen, öfter mal ein overload, aber irgendwie immer nur so am Rande, dann ist mein Stresslevel nach ein paar Tagen derart hoch, das eine Kleinigkeit ausreichen kann und ich reagiere massiv. Gehe, je nachdem, fast direkt in den Shutdown oder Meltdown. Ich habe auch mit den Jahren gelernt, dass ich diese Phase (kurz vorm Overload) recht lange vor mir herschieben kann. Aber wie gesagt, es ist stark erschöpfend und irgendwann haut es rein und dann um ein Vielfaches schlimmer, als wenn ich das nicht herausgezögert hätte.
Das ist der eine Punkt, was die Außenreize betrifft und meine Wahrnehmungsproblematik.

Bei mir gibt es Tage, da bekomme ich einfachste Sachen nicht hin. Auch hier ist es stressbegingt und wieviel Kraft ich schon aufwenden musste um andere Dinge zu kompensieren (ergo tagesformabhängig) um Verhaltensweisen aufrechterhalten zu können, die ich mit den Jahren antrainiert habe. Bei mir sind solche Dinge immer mit denken verbunden. Ich beschreibe das gerne als endlose Listen im Kopf. Wie verhalte ich mich in der oder der Situation. Was antwortet man auf so was. Worauf muss ich achten. Welches Signal gehört zu was. Was sagt die Tonlage aus…etc… Ich greife stetig auf diese Datenbanken zu. Diese sind sehr wohl erlernbar. Aber eben nicht intuitiv erfasst. Und es ist anstrengend.
An Tagen wo ich eh schon gestresst bin fällt es mir schwerer, dafür noch die Kraft aufzubringen. Ich beschreibe es oft so: Achtung, ich bin heute ohne Filter unterwegs. Denn ich habe dann nicht mehr die Kraft, um darüber nachdenken zu können, was bei mir ankommt und vor allem aber auch was ich aussende und vor allem wie. Das kann unter Umständen dann auch sehr verletzend werden.

Und jetzt nehmt mal beispielsweise einen schlechten Tag. Da kann ein „ins Bett“ machen der kleenen schon ausreichen und der ganze Tag ist strukturell im Eimer.

Ich hatte solch eine Unterstützung durch meinen Partner. Dennoch waren meine Defizite in manchen Bereichen einfach zu groß. Der Preis, den ich für die Sicherheiten zahlen musste, viel zu hoch.

Ich bin mir dessen sehr bewusst, was ich kann und was ich nicht kann. Das ist gut so, weil ich lange dachte, ich wäre insgesamt nicht fähig, klein, schlecht und manchmal ein Monster. Seit meiner Diagnose differenziere ich viel. Ich weiß inzwischen, das es insgesamt nicht so ist.
Manche Dinge kann ich gar nicht, manche nicht so gut, bei manchen Sachen brauche ich vielleicht nur eine Starthilfe, bei anderen Sachen bin ich einfach nur ein wenig anders und dann gibt es noch Bereiche und Eigenschaften die sind sogar richtig gut. Da kann ich stolz auf mich sein.
Rückblickend ist bei mir in den letzten 2-3 Jahren sehr viel passiert.
Mein Selbstwertgefühl ist wesentlich stärker geworden. Ich weiß was mir Schwierigkeiten bereitet und ich kann manches davon gezielter angehen.
Andere Dinge kann ich lernen zu akzeptieren.

Seit der Diagnose vor bald einem Jahr habe ich viele Phasen durchlaufen.
Anfänglich war es ein Befreiungsschlag. Ein Juhu, ich weiß jetzt, das ich gut so bin, wie ich bin. Ich bin richtig, nicht falsch, kein Monster.
Die Diagnose bringt für einen die Gewissheit aber, und das ist die Kehrseite, auch die Einsicht, dass es immer so sein wird.
Dann sickerte so langsam die Erkenntnis durch. Ich werde in manchen Dingen immer so sein. Die kann ich nicht ändern. Ich werde immer eine andere Wahrnehmung haben die mich regelmäßig überlastet. Ich werde bei körperlicher Nähe immer anders sein, wirkliche Nähe immer anders definieren. Das macht es vermutlich für einen eventuellen Partner nicht leicht.

Zurzeit bin ich sehr mit meinen Defiziten beschäftigt. Das liegt zum einem an meiner privaten Situation und zum anderen daran, das ich erarbeiten soll, wo genau ich Hilfen brauche und welcher Art. Dadurch ist mein Denken momentan sehr defizitär, wobei ich das nicht nur negativ betrachten würde. Denn so arbeite ich ja nur die Punkte raus, an denen ich eben Hilfen benötige, aber auch die Möglichkeiten, an denen ich arbeiten kann. Genauso aber werden mir dadurch auch meine Stärken mehr bewusst.
Manche Eigenschaften, die andere möglicherweise als Defizit ansehen, die sehe ich durchaus als Stärken an. Mag sein das ich sie nach außen anpassen muss. Aber nur immer zeitweise. Für mich daheim, da bin ich an Konventionen nicht gebunden und hier kann ich so sein, wie ich bin. Kraft tanken für die nächste Herausforderung.

Natürlich kann ich vieles lernen und das werde ich auch noch. Durch mein Umfeld, das ich bisher hatte, wurde mir zwar sehr vieles abgenommen, aber ich habe nie gelernt allein dafür verantwortlich zu sein. Irgendwo ein Fehler, das sehe ich ein.
Aber den Kraftaufwand, den ich dafür benötige, den mich manche Anpassungen kosten, den sieht keiner.
Logisch werde ich es schaffen einkaufen zu gehen, aber es kostet mich enorm viel Kraft. Ich brauche danach erst mal ein paar Stunden Ruhe, da mich das vollkommen erschöpft.
Manchmal brauche ich sogar Tage, um mich von manchen Situationen zu erholen.

Je nachdem, was ansteht, bin ich oft im ersten Moment total in Panik, plane alle möglichen Optionen und Strategien. Ich habe für eine Situation oft mehrere Pläne.
Wenn einer schief geht, kann ich immer noch auf den Nächsten zugreifen. Das macht mich flexibler. Ich habe meist einen Plan A,B,C, D etc… Wenn aber alle Pläne ausgehen, dann ist das der Worst Case. Dann bin ich hilflos.
Man kann sich sogenannte Überbrückungsstrategien erarbeiten. Situationen trainieren (die Kassensituation im Laden sind für mich immer schwer z.B.) um Sicherheit zu erlagen. Was aber passiert, wenn mal eine Situation eintritt, die nicht erlernt war. Was dann.
Oder wenn mal die Kraft nicht ausreicht. Dann soll man sich nicht so haben und ein „das wird schon“ oder „das kommt alles noch“ oder „wird besser“ und blablabla…oder die ganzen gut gemeinten Ratschläge die ich gar nicht umsetzten kann, die helfen mir nicht weiter.
Das ist furchtbar frustrierend!

Soziale Integration sollte ein Integrieren in die Gesellschaft sein. Ein integrieren, nicht ein angleichen!

Das ist genau der Punkt, der mich häufig aufregt. Sehr häufig lese ich, wie Autismus bagatellisiert wird, als Modediagnose tituliert wird. Wir würden uns unsere Behinderung nur einbilden oder machen uns zu Behinderten. Da frage ich mich doch, wie macht man sich zu einem Behinderten und viel besser, ist das wirklich so, dass man dies als erstrebenswert ansieht? Glaubt man wirklich, wir machen das freiwillig und das ist das Tollste auf der Welt?
Ich mag es nicht im Overload zu sein. Ich bin nicht gern hilflos, wenn ich in Panik bin. Diese Zustände sind unangenehm und ich habe viele Vermeidungsstrategien entwickelt. Aber manchmal kann man nicht vermeiden.
Ich habe Kinder und bin mir meiner Verantwortung bewusst. Ich will, dass es ihnen gut geht und dazu gehört es nunmal auch, das ich ihnen ein gewisses Maß an sozialem Leben anbiete. Das heißt, ich muss mit ihnen auch mal in einen Zoo gehen, oder in einen Park, ins Freibad. Das sind alles Situationen, die mich heillos überfordern und sind für mich ohne Sicherheitsperson nicht machbar. Wenn ich allein wäre, dann ist es das eine, aber wenn man für jemanden verantwortlich ist, dann ist es wichtig zu wissen, in welchen Situationen man Hilfe benötigt.

Ist das ein behindert machen oder einfach nur Verantwortungsbewusstsein?

Man muss sich selber irgendwann die Frage stellen, welche Anpassungen sind notwendig, welche müssen sein, was muss ich lernen oder kann ich es überhaupt und brauche ich Hilfe und wenn ja, wo.
In manchen Bereichen will ich mich gar nicht mehr anpassen. Sie kosten zu viel Kraft, die ich an anderer Stelle dringender brauche. Ich muss lernen mit meinem Krafthaushalt besser umzugehen.
Was nützt es, wenn ich manche Dinge „irgendwie“ hinbekomme, wenn ich dann regelmäßig zusammenbreche. Damit ist keinem geholfen.
Das muss ich lernen zu akzeptieren, wie auch mein Umfeld. Das man Sachen, die man normalerweise gut kompensieren konnte seiner Gesundheit zu liebe nicht mehr tut. Oft sind dann ein „stell dich nicht so an“ oder „du konntest doch immer“ wieder am Start.
Mein Stresslevel mit drei Kindern ist hoch genug. Ich muss hier Prioritäten setzten und die liegen eindeutig bei meinen Kindern.

Für mich beginnt heute ein neuer Lebensabschnitt. Ich bin ab heute alleinerziehend. Ich mache meinem Partner keine Vorwürfe. Zwar hatte ich manche Eigenarten von mir sehr wohl gewusst und auch von Anfang an kommuniziert. Aber diese Ausmaße sind schwer zu erklären und auch sehr schwer zu begreifen, wenn man keinen Namen dafür hat.
Er ist ein guter Mensch. Ein guter Vater. Aber eben nicht für mich und ich bin nicht die Partnerin, nach der er immer gesucht hat.
Mir macht dieser Schritt Angst. Wie so oft gerate ich leicht in Panik, aber irgendwie schaffe ich es meist doch. Auch diese Zeit werde ich meistern.

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