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Zurzeit ärgere ich mich mit der Lehrerin herum, wo mein Sohn zur Schule geht. Er geht auf eine Sonderschule und die kleinen Klassen tun ihm gut. Außerdem ist dort die Toleranz höher (immerhin hat da jeder so seine Schwierigkeiten). Das alles kommt ihm zugute.
Auch die Räume sind so konzipiert, das sie Schall schlucken und nicht all zu viel an Außengeräusche rein lassen. Das alles ist prima. Dennoch gibt es Probleme. Jedes Mal wenn wir uns auf dem Gebiet Autismus bewegen.
Immer häufiger kommt er mit oder am Rande eines Overloads nach Hause. Er passt sich dort auf Biegen und Brechen an und will unbedingt dazugehören. Gönnt sich daher keinerlei Pausen (außer das er auffällig oft auf das Klo geht während des Unterrichts). Erst wenn er daheim ist, bricht er sozusagen ein.
Ich frage mich wirklich, ob das auf Dauer gut ist. Auch wenn er dort sehr angepasst ist, so strengt in der Schulalltag doch sehr an. Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen, die ihn aus der Bahn werfen. Das Problem ist, das er das dort nicht zeigt.
Mein Sohn ist genauso alexithym (gefühlsblind) wie ich. Eine Spur mehr sogar, denn er hat noch nicht so viel gelernt richtig zuzuordnen.
So ist die allmorgendliche Übelkeit das Ergebnis aus dem Kakao, den er morgens trinkt, statt der Aufregung. Die häufigen Kopfschmerzen, weil er vermutlich zu wenig getrunken hat oder weil die Taxifahrerin mal wieder zu schnell gefahren ist. Er schnappt die Beschreibungen der anderen auf und nimmt sich für sich als wahr.
Wenn er in einem overload steckt, dann ist er traurig, wie er sagt. Meist schreit und weint er in einem overload (vor allem weil alle anderen endlich still sein sollen) und wenn die Tränen kullern, dann ist man traurig. Irgendwo hat er ja recht.
Was soll er auch sonst tun. Er weiß es ja wirklich nicht.

Ist bei mir ja nicht viel anders. Ich kann viele meiner Gefühle und Empfindungen nicht richtig zuordnen und oft muss ich dann annehmen, dass wenn andere sagen „das hört sich so an als ob..“ das es wahr ist.
Gerade wenn ich weine, sagen andere, das ich traurig bin. Ich nehme an das sie recht haben. Es kann aber auch einfach nur eine Überforderung sein. Ich kann es nicht genau deuten. Meist nur anhand der Zusammenhänge und Begebenheiten, die ich oftmals zusammentrage und analysiere.
Erst jetzt, seit ich mich mit Autismus beschäftige und seit meiner Diagnose auch viel reflektiere aus meiner Vergangenheit, sehe ich so manche Reaktion klarer. Bis dahin musste ich oft den anderen Glauben schenken. 
Zumindest was ihre Begründungen für manche meiner Reaktionen waren.

So ein bisschen fühle ich mich in meine Schulzeit zurückversetzt.
Auch ich wollte immer dazugehören und habe dafür vieles auf mich aufgenommen. Ich galt dennoch immer als Sonderling und wurde viel gemobbt.
Die Grundschulzeit habe ich als nicht so schlimm in Erinnerung. Zwar steht da auch immer wieder im Zeugniss, dass es häufig zu Missverständnissen mit den Mitschülern kam und Zugang zur Klassen Gemeinschaft hatte ich nie so recht finden können. Aber richtig schlimm wurde es dann erst in der weiterführenden Schule, vor allem zur Pubertät. Als die Jungs anfingen Interesse für Mädchen zu zeigen und die Mädchen anfingen sich seltsam zu verhalten. Mir wurde häufig vorgeworfen, von den Mädchen, dass ich mich nie zurechtmachen würde. Mein Haare waren immer so, das sie für mich mit möglichst geringen Aufwand verbunden waren. Haare schneiden mochte ich eh nicht, also trug ich sie meist lang. Ich habe sie meist nur gewaschen und sie dann machen lassen, was sie wollten.
Meine Kleidung war für mich mehr funktional. Hauptsache bequem und nicht eng. Ich mag noch heute keine enge Kleidung und kann sie nicht lange ertragen auf meiner Haut.
Sie durfte nicht zwicken. Sobald sie zwickte, trug ich sie nicht.
So war mein Erscheinungsbild vermutlich nicht gerade angepasst.
Ich verstand damals dieses ganze Gehabe mit den Jungs nicht und warum ich mich jetzt anders kleiden soll oder frisieren nur, damit ich denen gefalle.
Wenn mir Musik gefiel, dann gefiel mir die Musik. Was die alle mit den Backstreetboys und so hatten, das werde ich wohl nie begreifen. Auf Konzerten war ich bis heute nicht. Es hatte sich nie so ergeben. Die Musik, die ich mag, mochten die meisten nicht und ich kam ehrlich gesagt auch nie auf die Idee ein solches Konzert zu besuchen.
Was ich allerdings gerne wollte, war dazugehören, nicht auffallen. Nicht mehr gemobbt und ausgegrenzt zu werden.
Also startete ich immer wieder einen Versuch und bis heute will mir das nicht so recht gelingen. Ich verstehe Freundschaft einfach nicht. Immer wieder mache ich wohl dieselben Fehler.
Selbst damals schon ließ ich mich auf vermeintlich falsche Freunde ein. Ich war ja schon froh, wenn überhaupt mal jemand mit mir befreundet sein wollte.
Meine Ehrlichkeit und naive Art wurde oft ausgenutzt und ich brachte mich mit meiner schonungslosen offenen Art oft in Schwierigkeiten. Das ist oft heute noch so. Ich kann einfach nicht unterscheiden, wieviel an Information an wen nun angebracht ist oder nicht. Dadurch erzähle ich entweder zu wenig (weil ich erstmal beobachte) oder zuviel.

Erst kürzlich wieder sind ein paar Menschen aus meinem Leben verschwunden und ich weiß ehrlich gesagt nicht warum. Wo ist der Fehler. Leider sagen sie das einem auch nicht. Bis auf den Satz, du hättest dich häufiger melden können. Oder auch mal die Aussage, wenn ich mich mal nach Jahren wieder mal meldete: „wie ich auf den Gedanken käme, wir wären noch Freunde.“
Nunja, für mich hatte sich ja nichts geändert. Außer eben den Umstand, dass ich mal wieder etwas mit dieser Person zu besprechen hatte. Aber die Freundschaft wurde ja nie beendet. Also besteht für mich weiter eine Freundschaft, auch wenn ich mich jahrelang nicht melden sollte.
Das ist bei meinem Sohn genauso. Er meldet sich kaum bei Freunden und diese sehen ihn schon lange nicht mehr als Freunde an. Zumindest wurde mir das so von den Eltern erklärt. Aber für meinen Großen sind es immer noch Freunde. Er lädt sie jedes Jahr zum Geburtstag ein und ist oft enttäuscht, weil sie nicht kommen.
Teilweise haben diese Freunde meinem Sohn sogar richtig übel mitgespielt und dennoch hält er daran fest. Immerhin haben sie mal auf seine Frage „Sind wir jetzt Freunde?“ mit „Ja“ geantwortet und eben nie Gegenteiliges behauptet.

Ich war in meiner Schulzeit extrem naiv und das ist teilweise heute noch so. Auch gutgläubig. Für mich ist es nicht ersichtlich, warum Menschen mich anlügen sollten. Lügen ist doch unnötig und viel zu anstrengend. Vor allem, warum sollten sie mir was Böses wollen, ich will ihnen ja auch nichts Böses. Wenn ich sage, ich möchte, dass es der Person gut geht, dann gehe ich davon aus, das alle anderen das genauso empfinden, wenn man jemanden mag.
Ich empfinde keinen Neid. Einzig und allein mein eigener Perfektionismus treibt mich an immer besser zu werden. Aber ich missgönne anderen nicht, wenn sie besser sind. Im Gegenteil, ich freue mich immer dazulernen zu können. Ich verstehe einfach nicht, warum das anders sein sollte. Ich sehe es. Immer wieder. Aber verstehen tu ich das nicht.

Mit den Jahren habe ich mich immer mehr zurückgezogen. Aber ich empfinde immer noch oft den Wunsch nach Freundschaft, auch wenn scheinbar meine Vorstellungen von Freundschaft ganz anders sind als die der anderen.

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