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Lange habe ich gedacht, das alle Menschen so denken und erst als ich anfing mich mit Autismus zu beschäftigen habe ich gemerkt, dass diese Denkweise nicht unbedingt bei jedem vorkommt.
Es ist aber auch kein Muss-Kriterium für Autismus und genauso gibt es Menschen, die in Bildern denken und keine Autisten sind.
Wenn auch wohl die meisten Neurotypischen nicht in Bildern denken. Zumindest nicht in dem Ausmaß oder anders.
Bei den Autisten, die ich kenne, ist es aber so, dass sie in Bildern denken. Der eine mehr, der andere weniger und jeder für sich auf seine Art.

Ich denke überwiegend in Bildern. Das ist für mich völlig normal. Selbst wenn ich an Geschriebenes denke oder einen Artikel im Kopf schreibe, sehe ich bildlich ein Blatt vor mir, auf dem der Text erscheint. Auf dem der Text herumgeschoben wird, bis er an der richtigen Stelle sitzt und so formuliert ist, wie es sein soll. Wenn ich Begebenheiten, Situationen beschreibe, dann lege ich einfach entsprechendes Bild neben das Blatt und beschreibe, was ich da sehe. Vielleicht der Grund dafür, warum ich manche Dinge so gut beschreiben kann.
Ich muss nur eine Situation bewusst analysieren, das heißt, ich lasse alle Bilder laufen.
Beispielsweise nach wichtigen Gesprächen. Oft sehe ich dann erst viele Einzelheiten, die ich während des Gespräches wegen Überforderung nicht mehr mitbekommen habe. Meist fallen mir dann auch die Dinge auf, die ich falsch interpretiert habe, oder merke dann erst, dass die Frage vielleicht anders gemeint war. Einfach an der Reaktion, die ich auf dem Bild sehe. Das stürzt mich dann häufig in eine Unruhe und meist endet es darin, dass ich dann nochmals alle offenen Fragen und Fehlinterpretationen aufschreibe. Das lässt mir dann keine Ruhe, bis ich alles per Email oder per Brief richtiggestellt habe.

Genauso auch Dinge, die ich woanders gelesen habe oder dergleichen. Was ich einmal gelesen habe, merke ich mir, insofern es mein Interesse ist. Manchmal nur inhaltlich, manchmal auch wortwörtlich.
Es ist kein fotografisches Gedächtnis, das nicht. Ich kann zwar eine Seite sozusagen als Bild vor mir sehen und weiß deren Inhalt oder zumindest das, was ich da als wichtig gesehen hatte, aber ich kann sie nicht eins zu eins ablesen.
Ich merke mir auch das Aussehen der Seite. So finde ich schnell und oft Seiten wieder (ich merke mir den Verlauf, wie ich sie gefunden habe) und auf diese Weise kann ich schnell verknüpfen.
Dadurch merke ich mir sehr viel. Auch sehr viele Details.
Schon als Kind fiel bei mir eine ungewöhnlich hohe Merkfähigkeit auf und noch heute passiert es, das ich manche damit verblüffen kann.

Sagt jemand etwas, dann sehe ich das sofort bildlich vor mir.
Erzählt jemand von seinem Schreibtisch, dann sehe ich einen Schreibtisch, mit einer Dose drauf, wo Stifte drin sind. Eine Auflage mit einem Weltatlas darauf (das hatte ich als Kind) und einen blauen Stuhl davor mit Rollen.
Was mich vielleicht von anderen „Bilddenkern“ als Autist unterscheidet, ist das ich das wörtliche Bild sehe. Selbst wenn ich mit den Jahren so manche Umschreibung gelernt habe und weiß das sie eine andere Bedeutung hat als das wörtliche, selbst dann sehe ich das wörtliche Bild vor mir.
Ich hatte mal den Ausspruch gelesen, wenn sich ab drei Jahren in der Entwicklung eine Schere auftut. Im Grunde weiß ich nach kurzem Nachdenken, das damit gemeint ist das die Entwicklung an diesem Punkt anfängt auseinander zu gehen und sich voneinander entfernen in gewissen Entwicklungsschritten. Dennoch sehe ich sofort eine silberne Schere vor mir die gerade halb offen ist.

Ähnlich verhält es sich bei Redewendungen oder Sprüchen. So sehe ich bei dem Spruch „die schlafen unter der Brücke“ eben sofort das Bild unter einer Brücke mit lauter Papphäusern, Schlafsäcken darin und Kochgeschirr und sogar eine Wäscheleine (absurd, ne?). Inzwischen weiß ich das damit gemeint ist, dass jemand obdachlos ist. Aber das Bild ist schneller als mein Gedanke und manchmal lässt es sich nicht so leicht wegwischen. Vor allem wenn ich den Spruch oder die Redewendung nicht kenne.

Jemand versuchte mir mal die Redewendung „Wer im Glashaus sitzt darf nicht mit Steinen werfen“ zu erklären.
Zumindest verstehe ich inzwischen, was damit gemeint ist, aber nachvollziehen kann ich es einfach nicht. Es erscheint mir einfach nicht logisch, denn ich sehe so doch einfach den Film, wie jemand in einem Glashaus sitzt und einen Stein wirft. Das Glashaus bricht und das Ergebnis sind ein Haufen Scherben. Das war auch meine Antwort damals bei der Diagnostik auf die Frage was diese Redewendung denn bedeutet … „einen Haufen Scherben“.
Den Sprung, dass hier gemeint ist, wenn derjenige mit Steinen schmeißt, dann eben Steine zurückkommen, vor allem das gar nicht Steine wörtlich gemeint sind, den schaffe ich nicht.
Ich denke es liegt auch maßgeblich an dem Bild. So ist allein die Tatsache für mich schon nicht verständlich, warum es wichtig sein sollte, das andere zurück schmeißen könnten. Das Glashaus ist doch eh kaputt :-D.

Unlustiger wird es, wenn es Bilder sind, die wörtlich gesehen nicht so schön ist. Oder sehr lustig, sodass ich an den unpassenden Momenten lachen muss.
So war ich mal dabei, als eine Gruppe von Männern eine Art Aufführung für eine Feier vorbereiten. Sie wollte den Glöckner von Notre Dame „machen“. Allein die Wortwahl fand ich schon seltsam.
Sie diskutierten da recht ernsthaft darüber, wie sie das am besten hinbekommen sollten. Dann meinte einer, das sie sich Glocken zwischen die Beine hängen. Sie meinten eigentlich Pfannen und einen Schläger aber das war nunmal nicht ihre Wortwahl.
Ich hatte dann sofort das Bild im Kopf, wie die Männer da alle breitbeinig dastanden mit überdimensionierten Glocken zwischen den Beinen, die sie hin und her schwangen.
Ich musste deswegen so sehr lachen, dabei war das wohl ernsthaft gemein und passte so gar nicht in diese „ernsthafte“ Unterhaltung, wenn man jetzt von den Reaktionen auf mein Lachen ausgeht. An dem Abend musste ich die Unterhaltung verlassen, da ich nicht aufhören konnte zu kichern.

Ich merke mir allerdings auch Gesprochenes oder Geschriebenes. Auch mit Hilfe von Bildern, dann aber auch entsprechend das Gesagte im Wortlaut. Dabei entstehen oft auch Stresssituationen. Vor allem, wenn jemand später behauptet etwas nicht so gesagt zu haben. So weiß ich doch hundertprozentig, dass die Person das genauso gesagt hat. Ein Umstand, den sich viele nicht vorstellen können und daher nicht glauben.
Schon allein die Tatsache, dass ich mich durch Bilder und kleinen Kurzfilmen sehr weit in meine Kindheit zurückerinnern kann, scheint für viele derart unfassbar zu sein, dass sie mir nicht glauben. Ich dachte lange, das wäre normal und kann jeder und habe es daher damals nicht verstanden, warum diese Bilder verleugnet wurden oder im Nachhinein ganz anders dargestellt werden. Heute verstehe ich das besser.

Was mir allerdings häufig passiert, gerade auch in einem Gespräch, wenn ich eine Situation nacherzählen soll, dass ich wohl andere damit nerve. Dann lasse ich wieder die Bilder laufen und erzähle eben das, was ich auf den Bildern sehe. Dann allerdings auch in allen Einzelheiten und eben auch die Dinge, die mit der eigentlichen Begebenheit nichts zu tun haben aber in dieser Situation vorkamen. Wie z.B. das Telefonat das zwischendurch reinkam, oder das Auto, das draußen vorbei fuhr. Das hat häufig ein „Komm mal zum Punkt“ zur Antwort.

Vielleicht ist das bildliche Denken auch mit ein Grund dafür warum mir schreiben leichter fällt als reden. Beim Reden muss ich immer erst die Bilder sozusagen „übersetzten“ und dadurch verzögern sich auch mal Antworten. Oft sind andere im Gespräch schon viel weiter, sodass meine Antwort dann da gar nicht mehr reinpasse würde. Auf die Weise verliere ich oft den „Gesprächsfaden“.
Durch das Schreiben habe ich Zeit das Bild in Ruhe zu betrachten und zu beschreiben. Genauso habe ich dann aber auch die Zeit „wichtiges“ von „unwichtigen“ zu unterscheiden. Denn ich merke dann beim nachlesen, das beispielsweise das Auto das gerade vorbeifährt nicht umbedingt da rein gehört.

Was ich allerdings immer schon seltsam fand oder besser gesagt fand ich die Reaktionen darauf seltsam. Bei all dem, was ich mir merken kann und vor allem bildhaft, so gelingt mir das nicht bei Gesichtern. Ich kann mir einfach keine Gesichter merken.
Ich sehe Einzelheiten, Haare, eine Brille, die Mundpartie, wie die Person gekleidet ist etc. Aber das Gesicht selber, vor allem die Augenpartie ist milchig. Wenn mich jemand ernsthaft fragen würde, wie mein Sohn aussieht, ich würde ihn nicht ohne Weiteres beschreiben können.

Auch merke ich mir Wege, indem ich eine die Strecke sozusagen bildlich speichere. Ich kann daher auch nicht sagen, biege an der Straße in die Straße ab ohne das ganze Bild zu beschreiben. Ich merke mir auch nicht nur ein Gebäude, um zu wissen, dass man da abbiegen muss, sondern eben das gesamte Bild, das ich sehe. Das machen Wegbeschreibungen für mich so schwer. Ich kann mit den Beschreibungen meist nichts anfangen, sie sind zu ungenau und es ist auch der Grund, warum ich einen Weg mehrfach gefahren sein muss (mit Hilfe) bevor ich ihn gut genug kenne, dass ich ihn allein bewältigen kann.

Insgesamt gesehen, hat meine Art in Bilder zu denken Vor- und Nachteile. Aber ich kann mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen wie es wäre anders zu denken.

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