Gestern war der letzte Tag. Elterntraining. Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, dass eine Autistin zu einem Elterntraining geht, um zu lernen besser mit ihrem autistischen Kind umzugehen. Ich hatte meine Gründe 😀 und ganz umsonst war es ja nicht.

Ich habe sehr viele Eindrücke mitnehmen können. Es ist schon interessant zu hören, welche Fragen Angehörige zu ihrem autistischen Kind haben. Viele der Artikel, die ich in den letzten Wochen geschrieben habe, sind aus diesen Fragen entstanden.
Es war auch erstaunlich zu hören, das ich wohl vieles bei meinem autistischen Kind instinktiv richtig gemacht habe. Oder war es wirklich Instinkt… Vielleicht doch das Wissen, das ich das genauso brauche oder zumindest warum er das so braucht?

Gestern wurde ein interessantes Thema angeschnitten.
Das spiegeln und das Grenzen setzen und warum Autisten manchmal ein Gegenüber brauchen.
Ich habe gestern einiges mitbekommen, aber nicht alles. Mir war gestern unwohl und war daher nicht ganz bei der Sache. Ich mache mir dazu aber meine eigenen Gedanken.
Es ist bei mir tatsächlich heute noch so, dass ich in manchen Situationen jemanden brauche der eine Grenze setzt. Gerade wenn ich in einem Gedankenkarusell stecke, da ich zu einem Thema keine Lösung finde und mich wortwörtlich gedanklich im Kreis drehe. Dann schaffe ich es oft nicht raus ohne das jemand sprichwörtlich den Fuss reinstellt und mir dann deutlich die Grenze zeigt.
Ich habe das Glück da jemanden zu haben, der das für mich tut.
In dem Elterntraining wurde erklärt, dass Autisten häufig einen brauchen der eine Grenze setzt, ein Gegenüber, der spiegelt. Aber das es auch wichtig ist, dem Autisten dann eigens eine Lösung finden zu lassen.

Im Nachhinein betrachtet habe ich mir viele meiner Defizite in der Vergangenheit abnehmen lassen. Irgendwie hatte ich immer das Glück jemanden zu finden, der mir das abnahm. Aber so lernt man keine Selbstständigkeit.
In den letzte 2-3 Jahren habe ich viel gelernt über mich und meine Art. Aber was ich in dem einem Jahr für meine Selbstständigkeit, mein Selbstwertgefühl und mein Selbstbewusstsein gelernt habe, das habe ich einer Person zu verdanken, die mir immer wieder Grenzen aufweist, mich auch spiegelt und damit klarstellt, in welchem Rahmen ich eigenständig eine Lösung suchen muss. Ich muss sagen, das klappt immer besser. Die Person nimmt es mir aber nicht ab. Sie zeigt mir nur die Grenze, und manchmal den ein oder anderen Ansatz.
Ich neige nunmal dazu sehr komplex zu denken. Alle möglichen Varianten einzubeziehen und sie nach Relevanz und Möglichkeit einzusortieren. Dadurch dauern bei mir die Phasen der Entscheidungsfindung auch immer so lange. Es muss ja alles bedacht werden, und damit meine ich wirklich alles.
Stecke ich in solch einer Phase irgendwo fest und finde keine Lösung, dann kann es passieren, das meine Gedanken anfangen zu kreisen. Alleine da rauszukommen ist sehr schwer. Es mündete schon manches Mal darin, dass ich nachts nicht einschlafen konnte. Manches Mal auch nachts ewig wach lag. Das beobachte ich auch oft bei meinem Sohn. Manchmal, wenn ihn was am Tag sehr beschäftigte oder am nächsten Tag etwas neues anstand, kann er schlecht einschlafen, da sich da das Gedankenkarusell anfängt zu drehen. Er braucht dann immer erstmal Hilfe um es zu stoppen, einen neuen Ansatz und manchmal auch eine klare Grenze.

Bestes Beispiel ist derzeit sein Geburtstag. Er wünscht sich vier Spiele (alle haben was mit Mario zu tun) und die will er umbedingt alle haben. Er bekommt die aber nicht alle. Eins zum Geburtstag und eins zu Ostern. Er hat überlegt und überlegt. Immer wieder nach einer Lösung gesucht wie er alle vier Spiele bekommen kann. Das ging jetzt über Wochen. Oft begleitet von Verzweiflung, Ausrastern und Resignation. Aber die klare Grenze bestand darin, das es eben nur jeweils eins gibt. Seine Gedanken kreisten um eine Lösung und er fand sogar einen Ansatz. Er kauft sich noch eins von seinem Taschengeld dazu. Dann kreisten die Gedanken wieder darum, das es ja 4 Spiele sind. Aber wir blieben da standhaft und er musste letztendlich gestern akzeptieren, das er nur 3 der 4 Spiele haben kann. Aber immerhin hat er ein weiteres ergattern können. Und so blieb ein ausrasten aus.
Während dieser Phase war es wirklich wichtig das wir ihn immer wieder auf die Grenze (2 Spiele) hinwiesen. so hatte er einen Rahmen und konnte das Kreisen der Gedanken um die 4 Spiele stoppen. Noch dazu sein Erfolgserlebnis eine Lösung gefunden zu haben, das er sogar ein drittes bekommen kann. Das hat er gut gemacht 😀

Das alles ist mir gestern erst aufgefallen, nachdem in der Gruppe ein ähnliches Beispiel diskutiert wurde.
Ich frage mich oft ob ich alles richtig mache, weil ich autistisch bin und für manche Fragen meines Sohnes keine Antworten habe. Oder mach ich es doch richtig gerade weil ich autistisch bin? Mir wurde schon von verschiedenen therapeutischen Stellen gesagt, das mein Sohn vielleicht daher schon so selbstständig ist, weil ich selber weiß wo ich ansetzen muss. Für mich selber schon viele Lösungsansätze gefunden habe.

Aber was machen die Eltern, die es nicht sind? Sie müssen lernen mit ihrem Kind richtig zu kommunizieren. Müssen Verhaltensweisen verstehen lernen. Schutzbereiche aufbauen und gleichzeitig versuchen dem Kind möglichst viel Selbständigkeit mit auf dem Weg zu geben.
Scheinbar doch nicht so einfach, wie ich dank dem Elterntraining feststellen durfte.

Ist es vielleicht tatsächlich gar keine schlechte Idee als Autistin in solchen Gruppen präsent zu sein um doch die ein oder andere Frage beantworten zu können?
Viele Eltern machen sich da wirklich einiges an Gedanken und das finde ich gut. Auch manche Angehörige.
Viele verstehen nicht ganz oder wissen nicht genau wie sie damit umgehen sollen oder können. Ich denke da steckt noch viel Arbeit drin. In der Aufklärung.

Ich finde es immens wichtig, das Fachleute aber auch Angehörige langsam anfangen mit uns zu reden und nicht nur über uns.
Das sehe ich auch immer wieder an Kommentaren zu meinem Blog in diversen Foren oder auch hier direkt. Oft bedanken sich Eltern bei mir für die Innensicht. Weil sie so ihre Kinder besser verstehen können.
Schade finde ich, dass es auch manche Eltern gibt, die sich scheinbar nicht dafür interessieren. Teilweise sogar ihr Kind ablehnen. Geschieht das nicht aus der Unwissenheit heraus?
Ich frage mich immer, was in solchen Menschen vorgeht, das sie ihr eigenes Kind ablehnen nur, weil es ein wenig anders ist. Manchmal etwas anstrengend, aber auch nur weil man eben nicht weiß, wie man damit umgehen muss und kann.

Eine breite Aufklärung. Das wäre toll. Ein miteinander reden, statt übereinander. Manch Psychiater, Psychologe, Kinderarzt, Therapeut und vielen anderen Menschen die mit Autisten arbeiten oder über sie „richten“ aber allen voran den Eltern würde es sicher gut tun mal die Sicht eines Autisten zu hören.

Dann wären vielleicht auch Berichterstattungen, die oft völlig in die falsche Richtung gehen kein Thema mehr. Das Wort Autismus wäre dann auch mit dem gefüllt was Autismus wirklich bedeutet.
In letzter Zeit häufen sich die Berichterstattungen über Autisten, was ja einerseits erfreulich ist, wenn da nicht so häufig ein völlig falsches Bild von Autismus vermittelt werden würde. Aber das ist das, was ich den Medien vorwerfe. Eine Berichterstattung über die Autisten, nicht mit.
Da werden Studien angesetzt, die bar jeder Logik sind und tatsächlich glauben Menschen diesen Schwachsinn. Das habe ich erst gestern mitverfolgen dürfen und das hat mich erschreckt.
Immer mehr Autisten fangen an dagegen anzugehen, versuchen aufzuklären, schreiben, wehren sich.
Jemand sagte mal, wir führen da zwar einen sehr löblichen aber auch sehr ungleichen Kampf. Aber wer hat denn eine bessere Lösung?
Andererseits habe ich wirklich den Eindruck, dass dieser Hype momentan über den Autismus und über die Sinnentfremdung des Wortes autistisch tatsächlich dadurch sogar geschürt wird. Denn solche Artikel erlangen durch unser wehren Aufmerksamkeit.
Ich weiß auch nicht, was da richtig ist.

Ich kann nur das tun, was ich die ganze Zeit versuche. Aufklären und vielleicht schaffe ich es mit meinen Beiträgen manchen einen Blick für uns zu öffnen.

Aber vermutlich ist das Utopie.

Advertisements