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Anlehnend an den neuesten Artikel von Quergedachtes Autismus – Emotionen haben ist nicht schwer wage ich mich mal an das Thema Empathie heran. Denn darüber denke ich schon sehr lange nach.
Ich selber empfinde mich als empathisch, auch wenn meine Punkte zum Bereich Empathie beim Test der Uniklinik sehr gering ausfiel. Was mich doch sehr überraschte. Auch meine Erfahrungen mit anderen Autisten zeigt immer wieder, dass autistische Personen sehr wohl empathisch sind, aber vielleicht anders und oft vermischt mit der Gefühlsblindheit. Zusammen mag das den Eindruck nach außen vermitteln, dass Autisten Gefühlskalt, Emotionslos und nicht empathisch sind.

Ich bin auch recht Gefühlsblind (oder Alexithym). Das betrifft nicht nur die Gefühle und Emotionen anderer die ich meist nur schwer und manchmal gar nicht herauslesen kann, sondern auch meine eigenen Gefühle und Emotionen. Dennoch fühle ich und manchmal würde ich sogar behaupten weitaus intensiver als manch anderer. Meist kann ich ein Gefühl zunächst nur als Unruhe, Unwohlsein, Bauchweh, Bauchkribbeln, Hibbeligkeit bezeichnen. Wie sich bei mir „Freude“ anfühlt und ausdrückt, habe ich schon vor langer Zeit herausgefunden und kann es inzwischen auch gut erkennen und auch zeigen.
Bei Gefühlen die wesentlich seltener vorkommen oder eben nicht so eindeutig identifiziert sind, dauert es manchmal schon länger bis ich raus habe „was“ ich da eigentlich fühle und vor allem „wie“ ich es anderen gegenüber vernünftig beschreiben soll, so das diese auch verstehen was in mir vorgeht.
Es ist dann oft wie ein Puzzle, das ich zusammen setzten muss. Eine genaue Analyse des Tagesablaufs um herauszufinden welche Begebenheit diese beispielsweise Unruhe ausgelöst hat. Manchmal brauche ich da auch die Hilfe von außen um mir meiner eigenen Gefühle und Emotionen klar zu werden.
Nun kann man sich so vielleicht vorstellen wie es mit ganz neuen Gefühlen ist, die sich dann vielleicht auch nicht so leicht einer Begebenheit oder auch Person zuordnen lassen oder vielleicht sogar nicht generell. Da wird es schon schwerer bis manchmal unmöglich.
Gerade weil ich bei vielen Dingen nur ein Unwohlsein oder auch ein Wohlsein empfinde, macht es nicht einfach dies zuzuordnen.

Ich denke das ist auch der Kern in Sachen Empathie. Warum mich manche dennoch als sehr empathisch empfinden. Ähnlich wie bei Aleksander ist es für mich im ersten Moment wichtiger das sich jemand schlecht fühlt, weniger warum.
Allerdings denke ich auch, das es gerade das bewusst machen der Gefühlswelt in meinem Fall oder bei mir als Person, meine Art der Analyse sehr hilfreich sein kann. Gerade bei Menschen die nicht viel preisgeben wollen, es aber durch dem was sie sagen ungewollt tun. Oft erkenne und verknüpfe ich auch gewisse Verhaltensweisen eines Menschen mit einem Gefühl das sie „mal“ benannt haben. Wenn ich diese Verhaltensweise dann wieder sehe und erkenne, braucht die Person das auch kein zweites mal benennen. Allerdings muss mir dafür eine Person schon sehr vertraut sein. Ich behaupte daher, das Autisten sogar sehr feine Antennen haben. Eben nur ein Problem damit zu verknüpfen und zu benennen. Ich nehme oft kleinste Veränderung im Verhalten wahr. Ich erkenne dann eine Unruhe oder ein Unwohlsein der anderen Person. Ich denke auf die Art habe ich meine Defizite beim lesen der Körpersprache und Gesichtsmimik ausgeglichen mit den Jahren. Nur dieses dann zu benennen ist sehr schwer. Daher denke ich auch, das Empathie und die Alexithymie (Gefühlsblindheit) eng zusammen hängen.
Für mich ist es immer wichtig, das sich die Person gut fühlt an denen mir etwas liegt und die mir vertraut sind. So bin ich auch immer sehr bestrebt darin, dass es meinen Kindern gut geht und das ist für mich auch ein Teil der Definition dessen was andere als „Liebe“ bezeichnen.
Das ist dann auch die Erklärung dafür, dass eine Unruhe einer mir wichtigen Person mich selber auch in eine Unruhe stürzen kann.

Da sind wir nun auch beim Thema Empathie angelangt. Denn ich kann sehr wohl empathisch sein, aber ich muss das Gefühl bereits kennen oder eine Situation bereits durchlebt und analysiert haben.

Lange Zeit dachte auch die Fachwelt, dass Autisten gar nicht in der Lage sind empathisch zu sein. Anhand der Tests auch nicht verwunderlich. Wenn man jetzt meinen vergleichsweise ansieht mit gerade mal 4 Punkten ist das schon sehr wenig. Allerdings wandelt sich das immer mehr. Die Fachwelt unterscheidet jetzt immer mehr in kognitiver und affektiver Empathie und ich glaube, das ist ein sehr guter Ansatz um die Empathiefähigkeit eines Autisten zu beschreiben.

Kognitive und affektive Empathie

Erstmalig tauchte der Begriff Empathie als ein moderner Begriff für „Einfühlung“ auf. Seither wird viel in der Fachwelt darüber diskutiert und da auf dem ersten Blick Autisten tatsächlich ein Problem mit der Empathie haben, haftet uns seither ein Stigma an, das schwer wieder loszuwerden ist.

Durch Paul Erkmann tauchte die Unterscheidung der Empathie in kognitiver und affektiver Empathie auf und ich denke genau da liegt die Erklärung, warum Autisten doch empathisch sein können:

Ausszüge aus http://www.mpib-berlin.mpg.de/de/forschung/beendete-bereiche/mpfg-neurokognition-der-entscheidungsfindung/entscheidungsfindung-im-sozialen-kontext-2

Empathie ist ein multidimensionales Konstrukt, bestehend aus kognitiven (dem Verstehen mentaler Zustände, Theory of Mind) und affektiven (der emotionalen Reaktion auf den Gemütszustand eines Anderen) Anteilen. Ein Mangel an Empathie gilt als zentrale Charakteristik der Autismus-Spektrumserkrankung Asperger-Syndrom (AS), obwohl die systematische und simultane Erforschung von kognitiven und affektiven Empathieanteilen aussteht.

Die Voruntersuchungen lieferten Hinweise dafür, dass Menschen mit AS beeinträchtigt sind im Einschätzen von mentalen Zuständen (kognitive Empathie), jedoch über ein ähnliches Maß an Mitgefühl (emotionale Empathie) verfügen wie Normalprobanden.

Meine Erfahrungen…

…mit anderen Autisten und auch mit mir selber zeigen mir sehr deutlich, dass Autisten sehr wohl in der Lage sind empathisch zu sein.
So ist für mich „Mobbing und Ausgrenzung“ wie für viele andere Autisten ein sehr geläufiges Thema und ich weiß wie man sich da fühlt. So kann ich in dem Bereich sehr wohl „mitempfinden“ auch wenn dieses „Mitempfinden“ mehr aus den eigenen Erfahrungen geschieht. So macht mich auch die Ausgrenzung und das Mobbing meines Sohnes ebenso hilflos, traurig und wütend wie damals und ich kann so auch verstehen wie er sich momentan hilflos, traurig und wütend fühlt. Auch die damit eingehende Phase der Frustration und später dann die Resignation. Alles Dinge die ich auch durchlebt habe und nun auch mein Sohn.

Schwieriger wird es eben mit der kognitiven Empathie, die scheinbar auf einer rein kommunikativen, teilweise sogar nonverbalen Ebene funktioniert. Genau da haben Autisten ja bekanntlich Probleme.
Erstens ist es schwer für mich zu erkennen wie der andere sich fühlt (außer ich kenne die Person und ihr Verhalten sehr gut) und zweitens kann ich eine Situation nicht nachempfinden wenn ich diese nicht schon einmal empfunden habe. Die Perspektive wechseln, mich in eine andere Person hinein zu versetzen ist mir schlichtweg nicht möglich.

Dabei kann es auch sein, das ich im Empathischen Bereich mehr gefordert bin als andere Autisten. Weil ich Kinder habe oder vielleicht durch die Tatsache das ich weiblich bin.
Daher kann man dies hier auch nur als meine Sicht der Dinge sehen.
Aber ich bin auch sehr gespannt auf eure Sicht der Dinge 😉

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